Alles, was er sich vorgenommen hat, habe er geschafft, sagt Hans Dieter Tylle zurückblickend auf die drei Jahre, in denen er zwischen München und Hamburg unterwegs war: Von BMW bis Airbus. Denn Tylles Sujet sind Industrieanlagen, Maschinen, Fließbänder, Hochöfen, Schachtanlagen, die Arbeitswelt des Menschen.

Zufrieden schweift der Blick des Künstlers durch den Saal des Kulturhauses in Schwarzheide, dessen Wände die großformatigen Arbeiten gut in Szene setzen. Die Menschen im Labor beim Pharmaunternehmen Merck in Darmstadt ebenso wie die an der Bandstraße für Gipskartonplatten bei Knauf in Iphofen oder in einer von Technik vollgestopften Werkhalle bei ZF Friedrichshafen, einem führenden Zulieferers für die Autoindustrie.

Die in Schwarzheide entstandenen Bilder sind Außenansichten: vom Kraftwerk und der Synthesegasanlage mit ihren charakteristischen Türmen und einem scheinbar wirren Geflecht an Rohren und Leitungen, die freilich nur von Weitem als solche zu identifizieren sind. Aus der Nähe besehen sind es verwirrende Pinselstriche in Beige, Braun, schwarz, grau und vereinzelt Rot, die fast wie ein abstraktes Gemälde anmutend. Sie sind Ausdruck der Meisterschaft des Künstlers, der genauen Kenntnis von optischer Wirkung und Sehgewohnheit. Tylle selbst erklärt seine Technik anhand eines Bildes aus der Räderfertigung bei ZF, in dessen Vordergrund unzählige Zahnräder gestapelt sind. Er verweist auf die gegeneinander versetzten Linien in Beige, Blau, Grau – mit zwei Schritten Entfernung werden es Zahnräder.

Tylle ist detailgenau aber nicht fotografisch. In seiner Laudatio findet der Kunsthistoriker Klaus Jörg Schönmetzler dafür ein eindrucksvolles Beispiel, das zudem Einblick in die Arbeitsweise des Künstlers gibt. Tylle malt häufig vor Ort – in Öl. Im Atelier komplettiert er das Bild, lässt mitunter Empfindungen, selten einen Kommentar einfließen. Etwa wenn er das Maschinenhaus im Vattenfall-Kraftwerk Schwarze Pumpe zu einer Art Kathedrale erhöht.

Ein Beispiel für einen leisen politischen Kommentar findet sich in dem 1988 im Mansfeld-Kombinat entstandenen Gemälde „Die Freiheit“. Während auf der Vorstudie von Stahlträgern einer Werkhalle umgeben die Überbleibsel einer gesprengten Mauer zu sehen sind, hat der Künstler im fertigen Bild, eine halb verschüttete Zeitung drapiert, die in ihrem Kopf den Titel „Freiheit“ trägt. Tatsächlich hieß die im Bezirk Halle erscheinende Tageszeitung so. Aus einem Verschlag lugt, verunsichert, ein Arbeiter hervor, der diesem Mauerfall nicht recht zu trauen scheint. Offenbar hat sich der Maler hier herausgefordert gefühlt.

Ein großer Vorzug dieser Ausstellung ist, dass sie auch auf solche in früheren Jahren entstandenen Bilder zurückgreift. Tylle habe mit seinen Arbeiten „ein Kaleidoskop deutscher Industriegeschichte malerisch, detailliert und faszinierend in Szene setzt“, beschreibt Dr. Hermann Viets, Präsident der Milwaukee School of Engineering in seinem Grußwort das 30-jährige Schaffen des Malers, der mehr als 1000 solcher Industriegemälde geschaffen hat, darüber hinaus stimmungsvolle Landschaftsbilder und Porträtstudien. Von den Landschaftsbildern sind einige zu sehen, entstanden an Standorten der Deutschlandreise wie etwa Iphofen, wo man von den Weinbergen aus hinunter in die Stadt schaut.

Wenn am 15. Januar die Ausstellung in Schwarzheide endet, werden die Bilder gut verpackt für eine große Reise. Ab Mitte Februar sollen sie im Grohmann Museum Milwaukee zu sehen sein. Das Kunstmuseum beherbergt die Privatsammlung des amerikanischen Industriellen Dr. Eckhart G. Grohmann, der schon in Schwarzheide die Gelegenheit nutzte, die neuesten Arbeiten Tylles zu begutachten. Seit Jahren arbeiten Künstler und Sammler zusammen. So übernahm Tylle die Gestaltung von Grohmanns neuem Museum.

Von Milwaukee aus wandern die Bilder in die Kunsthalle Darmstadt. Vier kommen danach zurück in die Region: Die BASF-Bilder sowie die beiden bei Vattenfall entstandenen vom Kraftwerk Schwarze Pumpe und dem Tagebau Meuro. Sie künden dann auch für nachfolgende Generationen von der Technik unserer Zeit.