"Die Kunst ist lang! Und kurz ist unser Leben." In seiner Kupferstichfolge zu Goethes "Faust" lässt Baldwin Zettl Figuren und Handlungen der Tragödie auf magische Weise lebendig werden. Die Kraft der Bilder fesselt den Blick, Zeilen aus Goethes Meisterwerk kommen dem Betrachter in den Sinn, Darstellungen konkurrieren mit gespeicherten Bildern und Vorstellungen. So erinnern die Figuren an bekannte Sichtweisen, überraschen zugleich durch ungewohnte Interpretationen und Lesarten. Dabei sind die Bilder weit mehr als Illustrationen. Sie stehen für sich, erzählen eigene Geschichten, zeugen von der tiefsinnigen Auseinandersetzung des Künstlers mit den großen Themen des menschlichen Daseins. In Geisendorf wird die Bildfolge zum "Faust", neben anderen Kupferstichen, vollständig gezeigt.
"Versucht man dem Geheimnis seiner Bilder auf die Spur zu kommen", so Reinhardt Hassa, Vorstand von Vattenfall Mining & Generation, in seiner Eröffnungsrede, „dann scheint sein Werk einem Generalnenner zu gehorchen: neben dem Abbild stets auch das Sinnbild zu liefern.“
Das Betrachten der in Kupfer gestochenen Bilder bereitet Freude, die Entdeckung immer neuer Details und Feinheiten, das Spiel von Licht und Schatten, raffinierte Raumaufteilungen und Linienführungen machen die Begegnung mit den Werken des Künstlers zu einem besonderen Erlebnis. Allein mit Strichen und Punkten, den elementaren Gestaltungselementen des Kupferstiches, schafft Baldwin Zettl Werke voller Phantasie und Ausdruckskraft. Die Grafiken stimmen nachdenklich, verleiten zum Schmunzeln, geben Rätsel auf und liefern Antworten. Auf kleinstem Raum findet sich eine Fülle von Inhalten. In jedem Augenblick spürt man die Liebe und Hingabe des Künstlers zu kleinsten Details und Nuancen, ohne das Gesamtwerk aus dem Auge zu verlieren. Das Anknüpfen an die großen Traditionen, verbunden mit Namen wie Albrecht Dürer oder Johannes Wüsten, ist dabei ebenso unverkennbar wie ein ausgeprägter eigener Stil, eine eigene Ästhetik.
Die Dialektik von Bewahren und Verwerfen prägt die Inhalte der Grafiken in gleichem Maß wie deren Formen. Das Festhalten an den "Gesetzen" des Kupferstechens, ein Markenzeichen und Arbeitsprinzip des Künstlers, engen die eigene Kreativität nicht ein, sondern liefern den Rahmen und das Rüstzeug für eine zeitlose Kunst. Die Kupferstiche von Baldwin Zettl hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck. Sie geben das Gefühl höchster Vollkommenheit und Vollendung. Handwerklicher Perfektionismus in Verbindung mit einem tiefgründigen Auseinandersetzungsprozess zu Bildinhalten und künstlerischer Umsetzung zeugen von der Persönlichkeit des Künstlers, widerspiegeln sich in seinen Werken. Die Bilder von Baldwin Zettl setzen einen Maßstab für den allzu oft und allzu leichtfertig gebrauchten Begriff der Kunst. Sie bereiten Freude, bleiben in Erinnerung, tauchen in Gedanken auf, lan ge, nachdem man sie gesehen hat.

Ausstellung bis 5. Oktober. Dienstag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr, außer feiertags. Tel. 035751/12 575.
Demnächst auf Gut Geisendorf: 15. September, 19 Uhr, Konzert: "Eine kleine Rockgeschichte" mit Gotte Gottschalk (Gitarre, Gesang)