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| 01:07 Uhr

Bevor die Entklugung einsetzt

Dieter Hildebrandt (77) mischt sich seit den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, als er Mitbegründer des Kabaretts Münchner Lach- und Schießgesellschaft war, satirisch lautstark in die politische Diskussion der Bundesrepublik ein. Seine Fernsehsendungen, zuletzt von 1980 bis 2003 der „Scheibenwischer“ (SFB), sahen sich immer wieder Bevormundungen und Zensurversuchen ausgesetzt. Jetzt ist Hildebrandt, der mehrere Bücher geschrieben hat, landauf, landab zu Lesungen unterwegs. Am Montag gastierte er an der Neuen Bühne Senftenberg. Von Peter Blochwitz

Natürlich wird Hildebrandt aus „Ausgebucht. Mit dem Bühnenbild im Koffer.“ lesen. Gleich. Denn ein Kabarettist kann es nun mal nicht lassen, zuerst ein paar Worte zur Lage im Lande und in der Welt ans Publikum zu bringen: „Die Diskussion, ob wir verblöden oder nicht, beschäftigt sich gar nicht mehr mit dem ,oder nicht'.“ Also müsste man eigentlich mal eine Hitliste der Küblböckschwarzeneggerbohlens, auf Neudeutsch also die „Idioten-Charts“ oder ein „Deppen-Ranking“ aufstellen.
Ach, ja Neudeutsch: „Ich warte auf den Tag, an dem ,Verblödung' durch das politisch korrekte Wort ,Entklugung' ersetzt wird“ , erklärt Hildebrandt, denn man sage ja auch „Reformwerk“ und nicht „Wegelagerei“ . Dem Kabarettisten sträuben sich überdies die Haare, wenn er von einer „Schalte nach Bagdad“ oder Begriffen wie „Denke“ belästigt wird. Da sei seine „Staune“ doch sehr groß.
Stichwort Bagdad. „Die Amerikaner haben nach einer Woche den Krieg gewonnen, aber den Anlass dafür immer noch nicht gefunden: Massenvernichtungswaffen. Aber ich finde, sie haben sich toll verhalten, sie hätten ja auch welche mitbringen können! Da fehlt ihnen ein bisschen die bayerische Verschlagenheit . . .“
Die allerdings auch nichts nutzte im vergangenen Kanzler-Wettbewerb: „Wieso wurde eigentlich gesagt, es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen„ Wo doch jeder weiß, dass es sich um zwei Arschlöcher handelte“!“
Solchen wiederum kann man immer und überall begegnen. Etwa im Zug, wo der Vortragsreisende Dieter Hildebrandt nur einfach in Ruhe sitzen und über dämliche Feng-Shui-Ratgeber grübeln möchte. Was nicht oft gelingt, denn erstens hat die Generation der sich wichtig nehmenden Bei-jeder-Gelegenheit-Handy-Telefonierer die Macht übernommen. Zweitens begegnen einem immer wieder so skurrile Typen wie Max Meusel, der eine Art schlesischer Schwejk ist.
So unangenehm diese Mitreisenden oft auch sein mögen, immerhin geben sie den Stoff her für Bücher - zum Beispiel für „Ausgebucht. Mit dem Bühnenbild im Koffer.“ , aus dem Hildebrandt nun liest. Er ist ein wunderbar witziger Erzähler, und vortragen kann er seine Texte ja sowieso. Da muss es auch nicht immer um Politik gehen, denn auch banale Fragen des Alltag können sich als schier unlösbar erweisen. Etwa: Wer sind eigentlich diese Hempels, bei denen es immer so aussieht unter dem Sofa, dass man allgemein schlecht über sie spricht„ Weiß vielleicht Bahnclown Max Meusel mehr“ Wann taucht überhaupt der Schaffner auf, der neuerdings sicher „Ticket-Checker“ genannt wird - oder, weil er nebenbei auch noch kellnert, also den Snack-Service unter sich hat, zum „Ticker-Snacker“ qualifiziert wurde„
Und rasch ist Hildebrandt dann doch wieder bei den kabarettistischen Tagesbetrachtungen: „Man führt also ,lösungsorientierte' Gespräche“! Ich werde morgen an einen Imbisswagen gehen und um eine ,sättigungsorientierte' Bratwurst bitten!“ Oder: „Der Bundespräsident fordert ,noch tiefgreifendere' Reformen„ Wie“ Präsident, Präsidenter, am Präsidentesten„“ Aber wie sollen wir vorankommen“ „Die Sozialdemokraten können ja mit Geld nicht umgehen, alte Tradition. Aber jetzt ist das Geld, mit dem sie nicht umgehen können, auch noch weg . . .“
Begeisterung pur in der Neuen Bühne Senftenberg. Die Veranstaltung ist ausverkauft, das Theater hat daher zusätzlich eine Videoübertragung in die Caféteria ermöglicht. Dieter Hildebrandt geht nicht ohne Zugaben: eine harmlos beginnende Abhandlung über das Vorfeld und das Schlachtfeld/Öl-Feld der Ehre, zum Rumsfeld. Zur Versöhnung gibt's ein schlesisch-schlitzohriges Jahreszeitengedicht.