Da steht er in der Tür, der junge Mann mit silbernem Köfferchen und Einkaufstüte, und seine derb-schrägen Sprüche fliegen der alten Dame nur so um die Ohren. Irgendwie passt er nicht in dieses bis zur Nüchternheit ordentliche Hochhauszimmer, durch dessen breite Fensterfront die New Yorker Skyline hereinstrahlt.
Und so scheint auch schon alles vorbei zu sein, bevor es beginnt: Die grauhaarige alte Dame im korrekten Kostüm, die sich einen Tanzlehrer nach Hause bestellt hat, will sich weder als "verknöcherte alte Schachtel" bezeichnen lassen noch an den schrillen Humor des Mannes gewöhnen. Der auf die Frage, wann sie die Tanzstunde bezahlen solle, antwortet: "Wie bei einer Nutte - erst die Kohle, dann der Verkehr." Und seine sexualisierten Erklärungen zu den Tanzstilen tut sie souverän als soziologische Groschenweisheiten ab. Er soll gleich wieder gehen, sagt sie. Doch nicht nur er ahnt: Er soll bleiben. Denn sie will die Tanzstunden, und er braucht den Job und das Geld. Und so beginnt ein Kampf zwischen zwei vereinsamten Kratzbürsten. Von dem man schnell weiß, dass deren Auseinandersetzungen zur Bewegung zweier Menschen aufeinander zu führen werden.
Erika Kerner (seit 1971 in Cottbus) hat mit der Rolle der Lily eine wunderbare Abschiedsrolle bekommen. Die sie mit all der Genauigkeit und sensiblen Zurückhaltung ausfüllt, die diese Darstellerin auszeichnet. Wie Erika Kerner bei dieser scheinbar so zarten Frau aus distanzierter Zurückhaltung Kraft und Energie hervorbrechen lässt, wie sie sich gegenüber dem jungen Michael durchaus zu behaupten weiß, indem sie beiläufig mit kessen Sprüchen kontert, ihn auch einmal als "aufsässiges Scheusal" bezeichnet, das nimmt der Figur die harmlose Herzlichkeit, die ihr der Autor auch mitgegeben hat. Während Gunnar Golkowski die Sehnsüchte und Einsamkeit des Michael hinter auftrumpfender körperlicher Lockerheit und schrillem Grob-Humor zu verstecken sucht.
Bei der einen entsteht alles aus der Ruhe, bei dem anderen aus der Überdrehtheit. Wie Regisseurin Milena Paulovics die unterschiedlichen Haltungen der Figuren und die bewusst gegensätzlichen Spielweisen der beiden tollen Schauspieler immer wieder gegeneinander stellt, das prägt die Aufführung und gibt ihr einen schönen Rhythmus. Der natürlich auch bestimmt ist von Swing und Tango, Wiener Walzer und Foxtrott: Denn auch in diesen Tänzen überzeugen die beiden Darsteller. Wunderbar in ihrer Schrägheit oder altmodischen Verstaubtheit sind auch die bei jedem Tanz wechselnden Kostüme (Bühne und Kostüme: Hans-Holger Schmidt).
Wir sehen eine screwball-comedy der besonderen Form, in der es um Einsamkeit und Alter, um Liebessehnsucht und Lebensängste, um die Angst vor und dem Wunsch nach Nähe geht. Hier belügt jeder erst einmal jeden: Der schwule Tanzlehrer erfindet eine Ehefrau, die Witwe lässt ihren toten Mann weiterleben. Wie sich aber dann zwei Menschen einander annähern, wie sie sich entdecken, die Witwe eines Baptistenpredigers und der schwule Tänzer, auch in ihrer nicht nur altersbedingten Unterschiedlichkeit, das entfaltet Alfieri mit viel Zartheit und Herzlichkeit.
Es stört letztlich nicht, dass in diesem Wohlfühltheater viele Probleme angetippt werden, ohne dass eines wirklich so existentiell ernst genommen wird, dass es uns weh tun könnte. Michael hat seine demenzkranke Mutter zu Tode gepflegt; Lilys Tochter starb bei einer Abtreibung und Lily haderte mit ihrem hartherzigen Mann; die Nachbarin aus dem Stockwerk unter Lily, die jede Tanzstunde mit ihrem Beschwerdeanruf unterbrochen hat, stirbt schließlich: Das ist alles schlimm. Aber es bleibt letztlich nur dramaturgisch illustrierendes Material für eine anrührende Beziehungsgeschichte voller Witz, die in Cottbus als beeindruckendes und herrlich leichtfüßiges Schauspielertheater daherkommt. Und der kitschnahe Schluss - Lily hat Krebs, Michael betreut sie, und beide tanzen in die Abendsonne hinein - , er wirkt, als gäben ihm Regisseurin und Schauspieler ein Augenzwinkern mit.
Ein schöner Theaterabend. Der beiden gut tut: dem Theater und den Zuschauern.