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| 16:44 Uhr

Der aktuelle Kinotipp
„Und der Haifisch, der hat Zähne“

Lars Eidinger als Bertolt Brecht und Meike Droste als seine Frau Helene Weigel in einer Szene von „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“
Lars Eidinger als Bertolt Brecht und Meike Droste als seine Frau Helene Weigel in einer Szene von „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ FOTO: dpa / Stephan Pick
Frankfurt a.M.. Wie Bert Brechts „Dreigroschenoper“ entstand, erzählt nun ein Kinofilm von Joachim A. Lang.

Am Abend des 31. Augusts 1928 erlebt „Die Dreigroschenoper“ ihre Premiere im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin. Der Text ist von Bertolt Brecht, die Musik von Kurt Weill. Die Sache ist nach anfänglicher Reserviertheit der Zuschauer ein rasender Erfolg, beim „Kanonensong“ trampelt das Publikum mit den Füßen, und einige der Gesangsnummern werden in der Folge zu Welthits. Mit der Arroganz des berufenen Erneuerers äußert Brecht damals: „‚Die Dreigroschenoper‘ ist ein Versuch, der völligen Verblödung der Oper entgegenzuwirken.“

In Joachim A. Langs Kinofilmdebüt wird dieser Satz von Lars Eidinger gesprochen, der hier Brecht verkörpert, stilecht mit runder Stahlbrille, Zigarre, Ledermantel und mokantem Lächeln. „Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm“ ist indes mehr als der Versuch einer Rekonstruktion oder eines Reenactments – letztlich ist es ein Kinoessay über Formen und Bedingungen von Kunstproduktion. Im Mittelpunkt steht der scheiternde Versuch, die Oper den Vorstellungen des Dichters entsprechend fürs Kino zu adaptieren.

Denn nach dem Triumph der „Dreigroschenoper“ will das Kino den gefeierten Autor für sich gewinnen. Bertolt Brecht ist indes keineswegs bereit, sich den Erwartungen der Filmindustrie anzupassen. Er denkt an „eine ganz neue Art von Film“, eine radikale, politische, pointierte, natürlich auch sexuell deutliche Leinwandoper. Keine Abbildung der Bühnenversion soll Brechts „Dreigroschenfilm“ werden, doch dies ist nicht im Sinn des Produzenten Seymour Nebenzahl. Seine Firma engagiert schon bald neue Drehbuchautoren, und Brecht zieht vor Gericht – um zu beweisen, dass Geldinteressen sich gegen sein Recht als Autor durchsetzen.

Brechts Klage endete mit einem Vergleich, der Film konnte fertiggestellt und am 19. Februar 1931 in Berlin uraufgeführt werden. Viel Brecht war darin allerdings nicht mehr enthalten.

Bei Joachim A. Lang ist dieser Prozess aber nur eine Ebene in einem sehr komplexen Erzählgefüge. Es verbindet Tatsachen und Imaginationen, die eigentliche Handlung der Oper und Kinoinszenierungsfragen, historische Eckdaten sowie Archivbildmaterial von Rahmenereignissen und nicht zuletzt verschiedene Perspektiven in wildem Wechsel. Das alles berührt überzeitliche Fragen von wahrhaftigem Kunstwollen, Künstlerautonomie und den Aufgaben von Kunst - und natürlich auch Fragen einer Überführung von literarischen oder theatralen Vorlagen ins Medium Film. Regisseur Lang nimmt Brechts Kunsttheorie und dessen Forderung, „zu zeigen, dass man zeigt“, ernst, wenn nicht nur das Kulissenhafte und die bunte Auskostümiertheit der Szenen betont werden, sondern Brecht selbst die Handlung respektive Dreharbeiten immer wieder unterbricht.

Gewiss feiert Lang auch die wilden 1920er mit ihren coolen Brecht-Heroinen (Lotte Lenya, Helene Weigel, Elisabeth Hauptmann). Gesucht wird indes à la Brecht nach der Wirkmächtigkeit ästhetischer Brüche in punkto Gesellschaftskritik. Das ist viel – viel mehr, als wir heute oft sehen in der Kunst. Etliche der bekanntesten deutschen Schauspieler gemeinsam in einem Brecht-Projekt agieren zu sehen, ist eine ganz eigene Freude. Tobias Moretti brilliert als Macheath. Hannah Herzsprung überzeugt in einer Doppelrolle als Brecht-Schauspielerin Carola Neher und Polly Peachum, Tochter des Bettlerkönigs. Claudia Michelsen bringt als Pollys Mutter genau das richtige Maß Durchtrieben- und Verderbtheit mit, und Joachim Król entfaltet als Peachum ganz neue darstellerische Facetten - ebenso wie Robert Stadlober als Kurt Weill.

„Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ ist eine fiebrige Tour de Force – ein Film, der die „Dreigroschenoper“ bis in den Finanzkapitalismus unserer Gegenwart hinein verlängert und dessen Aktualität hinsichtlich des damals aufkommenden Faschismus schon fast beklemmend wirkt. Es ist eine Regiearbeit, die das Publikum ebenso irritieren wie verblüffen dürfte - und ungeheuer reich beschenkt.

Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm, Deutschland/Belgien 2018, 130 Min., FSK ab 6, von Joachim A. Lang, mit Lars Eidinger, Robert Stadlober und Hannah Herzsprung

(dpa)