Und der ist auf dem besten Wege zum neuen Maskottchen der Hauptstadt, zumal er so schön zu Berlin passt, wie Finanzsenator Thilo Sarrazin bereits beobachtet hat. Knut würde künstlich ernährt, sei auf fremde Hilfe angewiesen und habe die Herzen der Welt erobert.
Während der Reiz von Berlin die Metropole im Wandel ist, dürfte der Eisbär nur die Herzen der Welt erweichen, solange er noch klein und knuddelig ist. Weil sich das in ein paar Monaten ziemlich geändert haben wird, muss natürlich die Zeit für die Vermarktung genutzt werden. Die Folgen sind teilweise fürchterlich. Kleine Mädchen und ältere Herren singen Lieder, deren Texte so lau sind wie das Klima, das den armen Kreaturen in der Arktis bald immer mehr zu schaffen macht wird. Die neunjährige Kitty aus Köpenick war mit ihrer gestern veröffentlichten Platte zuerst da, Altmeister Frank Zander bringt seine umgedichtete Version von "Hier kommt Kurt" in zwei Wochen raus.
Überall tapsen Eisbären durch den Äther, selbst der ganz Alte aus der Neuen Deutschen Welle ist wieder unterwegs. "Ich möchte ein Eisbär sein" sangen Grauzone damals, freilich mit dem Zusatz "am kalten Polar". Als hätten sie 1980 geahnt, dass 27 Jahre später im frühlingshaften Berlin ein Exemplar im Dauermedienstress sein würde.
Wie jeder Star kann er sich seine Verehrer nicht aussuchen. Zum Beispiel den Ex-Popbeauftragten der SPD und jetzigen Eisbärenbeauftragten Sigmar Gabriel, der sich in traditioneller Berufsmanier an das arme Tier ranpirschte, um es als der große Pate einzufangen. Wegen der Klimakatastrophe, die seine Art dem Aussterben näher bringt. Dass Knut demnächst als eine Art Katastrophenbotschafter Karriere machen wird, kann man durchaus doppeldeutig sehen. Die musikalische Huldigung des pelzigen Berliners, wie überhaupt der gesamte Hype um ihn, gerät langsam so schrecklich, dass der tierische Geselle bestimmt bald irre wird. Als gäbe es nicht schon genug Irre auf der Welt.