Eine Rolle, die schon ganz lange auf ihrem Wunschzettel steht, die einzige, die übrig geblieben ist. Sie hat viele große, wichtige Partien gesungen - erinnert sei an Penthesilea, mit der sie für Furore sorgte. Oder die Marie in Alban Bergs Oper "Wozzeck". Sie war Octavian im "Rosenkavalier", die Brangäne in "Tristan und Isolde" und Fricka in Rheingold. Nein, Wünsche seien da nicht mehr offengeblieben, sagt Carola Fischer. Bis auf den einen. Von dem hat sie irgendwann Intendant Martin Schüler erzählt . . .

"Wenn Theater, dann so was"

Verliebt in die Boulotte hatte sich die Berlinerin schon in Kindertagen. "Wir wohnten gleich hinter der Komischen Oper, und meine Mutter ist öfter mit mir dorthin gegangen. In den 60er-Jahren lief dort rauf und runter Walter Felsensteins Inszenierung von ,Ritter Blaubart'." Carola Fischer war geradezu süchtig danach. "Ich habe ungefähr 30 Aufführungen gesehen." Felsensteins Ritter lief 20 Jahre lang an der Bühne und erlebte 396 Aufführungen. Besonders hatte es ihr Anny Schlemm als Boulotte angetan. "Die hat sie mit so viel Temperament und Mutterwitz gespielt, ist selbst im Alter noch über die Bühne gefegt, dass ich dachte: wenn Theater, dann so was." Ausgemacht war das mit dem Theater trotz ihrer Begeisterung allerdings nicht von Anfang an. Sie war auch eine erfolgreiche Leistungssportlerin - allerdings mit einem Handicap: "Ich bin aus meinen Sportarten regelrecht herausgewachsen. Erst Eiskunstläuferin, dann Turnerin, dann sollte ich Eisschnellläuferin werden, darauf hatte ich keine Lust."

Mit 17 hängte sie den Sport an den Nagel. Dank ihrer schönen Stimme gab es ja einen Plan B, für den sie sich - nicht ohne Selbstzweifel - entschied. "Ich war groß, eher ein burschikoser Typ, was sollte ich singen?" Doch als sie hörte, dass es ja schließlich auch Hosenrollen gebe und solche, für die man auch ein Vollweib sein kann - wie für die Boulotte - war der Berufsweg klar. Sie studierte an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in ihrem geliebten Berlin, erhielt schon während des Studiums Gastverträge. So auch an der Komischen Oper.

Ihr erstes Engagement hieß Cottbus. 35 Jahre an einer Bühne, das ist eher ungewöhnlich. "Ich habe hier ja nichts vermisst, hatte immer schöne Rollen", erklärt Carola Fischer. Zudem führten sie Gastspiele an die Leipziger Oper ebenso wie an die Berliner Staatsoper, nach Dessau, Halle, Erfurt, Flensburg, zu Opernfestspielen etwa im Chiemgau. "Hier ist mein künstlerisches Zuhause", beschreibt die Sängerin. "Dass ein Haus Verantwortung für seine Sänger übernimmt, ihnen die Chance gibt, sich zu entwickeln und auch in Würde alt zu werden, noch auf der Bühne zu stehen, das ist heute eine Rarität." Mit den Jahren sind die Rollen kleiner geworden, das stört sie nicht. Noch immer liebt sie ihren Beruf. "Wer früh aufsteht und sagt, ich habe keine Lust, der hat kein Recht, auf der Bühne zu stehen", ist sie überzeugt. "Na ja", relativiert sie, "manchmal würde man schon auch gern mal auf der Couch rumhängen, aber wenn ich dann ins Theater komme, die Schminke rieche, höre, wie die Instrumente sich einstimmen, dann die Scheinwerfer angehen, ist nur noch die Lust da, zu spielen."

Es schließt sich ein Kreis

Mit ihrer Boulotte schließt sich für Carola Fischer ein Kreis. Nicht nur der bewunderten Anny Schlemm wegen, die sie gern zur Premiere eingeladen hätte, fand aber keine Adresse. Und auch Herr Felsenstein schaut quasi mit einem Auge rein: Regisseur Steffen Piontek versteht seine Inszenierung als "lustvolle Verbeugung" vor dem Genie Felsenstein. Für Carola Fischer wie ein nachträgliches Geschenk zum 60. Auch wenn sie sich anfangs stimmlich ein bisschen quälen musste. "Mir ist erst beim Lesen der Partitur so richtig aufgegangen, dass das eine Sopran-Partie ist. "Ich musste erst mal wieder lernen, mich in die Höhe zu schrauben", erzählt die Sängerin völlig uneitel. Für einen Mezzo-Sopran, dessen Stimmfarbe mit zunehmendem Alter eher tiefer wird, sei das durchaus mit Arbeit verbunden.

Die Boulotte sei ein bisschen wie sie, beschreibt Carola Fischer: Berliner Schnauze, rustikal, etwas üppig, mit viel Witz. Den braucht sie auch. Besagter Ritter ist nämlich ein frauenmordendes Ungetüm. Boulotte ist Gattin Nummer sechs, und Nummer sieben hat der Lüstling bereits ins Auge gefasst. Nur diese pfiffige Bäuerin, die so anders ist als die anderen, wird er irgendwie nicht los. Zu allem Überfluss tauchen auch die vermeintlich Hingeschiedenen wieder auf - schließlich sind wir ja in der Operette. Die Kriminalstory geht unblutig aus, der Weiberwitz siegt, und Jacques Offenbach liefert dazu die schmissige Musik. Beste Zutaten für einen amüsanten Theaterabend.

Karten: Für die Premiere sind derzeit Karten erhältlich im Besucherservice, Ticket-Telefon 0355 / 7824 24 24, sowie über www.staatstheater-cottbus.de

Für alle weiteren Vorstellungen (außer am 31. Dezember) sind Karten erhältlich.

Zum Thema:
Blaubart ist ursprünglich ein Märchen von Charles Perrault aus dem Jahr 1697. Der Stoff um den frauenmordenden Blaubart wurde seither vielfach aufgegriffen und künstlerisch in Erzählungen, Dramen, Filmen, Opern und Illustrationen verarbeitet. So fand es auch Eingang in die Hausmärchen der Brüder Grimm. Jacques Offenbach ging eher satirisch damit um.