Der Auflage wird es nicht schaden, dass die Autorin nicht nur gründlich recherchiert hat und eloquent ist, sondern auch attraktiv. Die "verführerische Gesellschaftsanalyse" (Goldmann Verlag) kommt gut an, die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" spricht von einem "essayistischen Feuerwerk". Das Buch "Der Tanz um die Lust" erscheint zum richtigen Zeitpunkt. Wieder einmal wird allerorten über Sex und Erotik diskutiert.
Gut beobachten lässt sich das am Donnerstagabend bei der Buchparty für Ariadne von Schirachs Erstling. Im morbiden Charme des alten Spiegelsaals von "Clärchens Ballhaus" in Berlin-Mitte lauscht die Literaturszene der Newcomerin. Entdeckt wurde sie von der Agentur Eggers & Landwehr, die auch Wladimir Kaminer und Florian Illies auf ihrer Autorenliste hat. Von Schirachs Vortrag, der Ironie mit Kiez-Kraftausdrücken und Recherche mit Fiktion vermischt, gefällt dem Publikum. Nach der Lesung tanzt eine punkige "Burlesque"-Künstlerin, die erst eine Art Spiderman-Kostüm trägt und sich später die Strumpfhose und alles andere vom Körper reißt - bis zur nicht für jeden erotischen Form von Nacktheit.
Sex sells? Darum geht es von Schirach nicht, sagt sie. "Es interessiert mich das pornografische Menschenbild." Die Autorin will das Trugbild der immer potenten Männer und immer willigen Frauen entlarven. Das mache doch krank, findet sie. Die derben Ausdrücke sind für sie ein Stilmittel. "Ficken" sagt nur die Ich-Erzählerin, nicht die Autorin. Öfter wird die gebürtige Münchnerin auf ihren Großvater, NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, angesprochen, den sie nie kennengelernt hat und von dem sie sich distanziert. Er verschafft ihr ungewollt noch etwas extra Aufmerksamkeit, wie das so ist bei bekannten oder berüchtigten Familienmitgliedern. Mit ihrem Buch möchte sie "eine Vergnüglichkeit und ein Bewusstsein im Umgang mit dem eigenen Begehren" schaffen.
Die Pornodebatte um Lust, Sexualität und gesellschaftliche Rollenbilder wird allerorten kultiviert. Vergangenes Jahr feierte Berlin ein intellektuelles Porno-Filmfestival, der "Stern" beschrieb vor kurzem die Verrohung der Sexualität bei Jugendlichen. Das schwul-lesbische Magazin "Siegessäule" widmet sich gerade dem käuflichen Sex und druckt einen nackten Männerhintern mit Preisschild auf dem Titel. Autor Thomas Brussig ("Sonnenallee") befasst sich in seinem neuen Buch mit "Berliner Orgien" und beschreibt in der Zeitung "B.Z." die Rotlichtstätten der Hauptstadt. "Die Orgien folgen keinem Plan. Sie geschehen langsam, aber stetig, und sie haben etwas Gewaltiges, wie Lava, die langsam vorwärts kriecht - bis sie zum Stillstand kommt und erkaltet", beobachtet er zum Beispiel in der "Tempel-Oase".
Die Berliner Modedesignerin Mari Otberg hat im vergangenen Jahr eine erotisch angehauchte Motto-Party im szenigen "Münzclub" gefeiert. "Das ist so ein Thema, das liegt in der Luft", erzählt sie nach der Schirach-Lesung. Ihre Party war zwar toll, aber mit dem sexy Ambiente haben die Gäste doch etwas gefremdelt.