Wie sich die Grußformeln ändern und doch ähneln! „Bleib’ gesund“ hat sich seit mehr als zwei Corona-Jahren zum Abschied eingebürgert. „Bleib’ übrig!“, pflegten die Menschen am Ende des Zweiten Weltkrieges in Berlin zu rufen, wenn sie zu den Luftschutzkellern rannten. Eine kleine, nur scheinbar nebensächliche Beobachtung in Jutta Voigts neuem Buch „Wilde Mutter, ferner Vater“, in dem sie – O-Ton – „Spionage in eigener Sache“ betreibt. Beide Grußformeln wirken darin alles andere als Floskeln. Und während die Autorin den Geschichten ihrer Familie und damit acht Jahrzehnten deutscher Geschichte zwischen Krieg und Frieden nachspürt, verwebt sich Vergangenes und Gegenwärtiges auf berührende Weise.

20 Jahre als Feuilletonistin für den „Sonntag“

Es ist dieser unsentimentale Alltag, die Sensation im Gewöhnlichen, das Einzelne im Allgemeinen, das scheinbar Nebensächliche, die Zwischentöne statt der Klischees, die Jutta Voigts Interesse wecken und ihre Texte so unverwechselbar werden lassen. Wobei es sich lohnt, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Wer noch irgendwo einen „Sonntag“ in der Schublade hat, weiß, wovon die Rede ist. 20 Jahre hat die Feuilletonistin für dieses feine Blatt des Kulturbundes gearbeitet. Die Zeitschrift war eine Nische mit kleiner Auflage für gemäßigte Individualisten, die Jutta Voigt mit Reportagen und Filmkritiken schmückte, die anders waren als anderswo in der DDR. Später war sie beim „Freitag“, dann bei der „Wochenpost“ und schließlich bei der „Zeit“ tätig.
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Aufgewachsen mit der Angst vor dem Sirenengeheul in Berlin und nach Kriegsende mit einem Fuß im Westen, mit dem anderen im Osten, ist sie 20, als die Mauer gebaut wird. 48, als sie fällt „Am Ende war die sozialistische Utopie eine Mumie“, schreibt sie über die Zeit, in der sie sich besonders wach fühlte, obwohl sie den Tag der Maueröffnung mit einer gewissen Melancholie erlebt: „Aus der Oase der Utopie in die Wüste des Wohlstandes.“ Für Jutta Voigt ist die „Wende, was heute eine Booster-Impfung ist – eine geballte Ladung Produktivität gegen gefährliche Viren, die Lethargie ausgelöst hatten und Gleichgültigkeit.“
Sie erzählt von ihrem Glauben an die Machbarkeit einer Zeitung, in der der Anspruch nicht die Popularität vertreibt – und von der Fähigkeit, scheitern zu lernen, ohne zu verzweifeln. So beginnt sie Bücher zu schreiben, die ankommen, weil sie sich auskennt, worüber sie schreibt.

Mit Judy unterwegs in Prenzlauer Berg

Am persönlichsten aber ist nun dieses neue Buch. Während sie unter ihrem Alter Ego Judy durch ihren Berliner Kiez, den Prenzlauer Berg, wandelt, erinnert sie sich an ihre Eltern. Man kann sich die beiden gut vorstellen: Mutter Margit, die zu Hause tanzt, dass die „Pfennige von ihren Strumpfhaltern absprangen“, und der in sich gekehrte Vater Willi, der aus dem Krieg zurückkommt, aber nie mehr mit sich und der Welt ins Reine. Der Alkohol wird sein Retter, sein Kamerad, sein Henker.
Judy aber sucht nach der Leichtigkeit des Seins, findet sie vor 60 Jahren bei Henri, der Brecht studiert und im Wohnzimmer Mozart dirigiert. Er nimmt die Philosophiestudentin, die „Widersprüche nicht als Störenfried und Dialektik als erfrischende Fantasie des Denkens“ erfährt, mit in die heitere Welt der Boheme. Ihre Ehe besteht aus Leiden und Lachen, und doch: Man möchte mit ihr am liebsten auch auf das Leben ihres 2015 gestorbenen Mannes, des Brecht-Assistenten, Dramaturgen und Regisseurs Peter Voigt, anstoßen.

Nah an unseren Ängsten

„Der Dialog mit den Toten darf nicht abreißen, bis sie herausgeben, was an Zukunft mit ihnen begraben wurde“, zitiert Jutta Voigt den Dramatiker Heiner Müller. Und so ermittelt sie nicht nur in eigener Sache. Sie erweist sich auch darüber hinaus als großartige Erzählerin und Rechercheurin. Es sind die vielen Details und Nuancen, die klare und doch verspielte, so gar nicht abgenutzte Sprache, ein Lebensgefühl, das herüberweht wie der Geruch nach frischer Farbe, die bald darauf vertrocknet, die dieses Buch, das ganz nah an unsere gegenwärtigen Ängste und Besorgnisse heranrückt, zu einer empfehlenswerten Lektüre machen. Und man wünscht sich, dass es viel gelesen wird. Nicht nur im Osten.
Pablo Picassos weiße Taube ist nach 73 Jahren abgestürzt, stellt sie fest und setzt hinzu: „Frieden schaffen mit schweren Waffen. Das müsste doch hinhauen.“ Das große Fragezeichen zwischen den Zeilen ist nicht zu übersehen.
Jutta Voigt: „Wilde Mutter, ferner Vater“, Aufbau Verlag, 256 Seiten, 22 Euro

Redakteurin bei verschiedenen Wochenzeitungen

Jutta Voigt, geboren am 5. Juni 1941 in Berlin, studierte Philosophie an der Humboldt-Universität, war Redakteurin, Essayistin und Kolumnistin bei den Wochenzeitungen „Sonntag“, „Freitag“, „Wochenpost“ und „Die Zeit“. 2000 erhielt sie den Theodor-Wolff-Preis, 2004 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Sie ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.
Beim Aufbau-Verlag erschienen von ihr unter anderem „Der Geschmack des Ostens. Vom Essen, Trinken und Leben in der DDR“, „Westbesuch. Vom Leben in den Zeiten der Sehnsucht“, „Spätvorstellung. Von den Abenteuern des Älterwerdens“, „Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens“ und „Verzweiflung und Verbrechen. Menschen vor Gericht“.