„Ich gehöre doch gewissermaßen zum Inventar“ , lacht sie, um sogleich ihre Worte wieder zurückzunehmen: „Jegliches hat seine Zeit. Auch wenn ich von den bald hundert Jahren Staatstheater ein gutes Drittel dabei war und gern noch Gastrollen übernehme, das Theater wird durch die jungen Leute weiterleben.“
Wobei Erika Kerner ohne Umwege bei dem Thema ist, das ihr weitaus mehr unter den Nägeln brennt als der nahende Abschied. Denn in dem Zweipersonenstück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ geht es genau darum: Zwei Menschen begegnen sich, die unterschiedlicher kaum sein können. Lily ist alt. Michael ist jung. Dennoch entwickelt sich zwischen beiden eine ungewöhnliche Beziehung. Und das im wechselnden aufregenden Takt der Musik. Denn dieses „aufsässige Scheusal“ , wie Lily Michael schon mal nennt, gibt der „verknöcherten alten Schachtel“ , wie er kontert, Tanzstunden. Die auch die Schauspieler durchaus ernst nehmen. Denn manchmal verlagern sie die Proben in die Cottbuser Tanzschule Fritsche, die gerade erst ihren 80. Geburtstag gefeiert hat. Tanzschul-Chef Dieter Fritsche übernahm neben AnnaLisa Canton auch die Choreografie für das Stück. Und so tanzen die beiden Schauspieler, die eine nicht mehr ganz jung, der andere noch längst nicht alt, nahe an der Wirklichkeit der Premiere am 10. März entgegen.
Es ist eine schöne Abschiedsrolle. Zwischen Swing, Wiener Walzer, Cha-Cha-Cha, Tango, Foxtrott und Disko-Fox kann bei Erika Kerner keine Wehmut aufkommen. „Es ist ein sehr erfrischendes und berührendes Stück. Und ich genieße es, wie schon in der 'Komödie im Dunkeln' mit einer solch begabten jungen Regisseurin wie Milena Paulovics zusammenzuarbeiten. Und mit einem solch begabten jungen Schauspieler wie Gunnar Golkowski.“
Die 64-Jährige empfindet es als beglückend, auch in nicht mehr ganz jungen Jahren viele Möglichkeiten zu haben, ihre Kunst zu zeigen. Und sie liebt ihr Publikum. „Schauspielkunst ist vergänglich. Umso mehr freue ich mich, wenn jemand freudestrahlend auf mich zukommt und noch genau weiß, welche Rolle ich vor 20 Jahren gespielt habe. Solange sich die Menschen erinnern, werde ich zum Theater gehören.“ Und sie, die vom Publikum oft in ihren heiteren Paraderollen besonders gefeiert wird, ist froh, dass sie niemals darauf festgelegt wurde, sondern immer wieder auch die tragischen Heldinnen, die vom Leben Gezeichneten auf die Bühne bringen konnte.
Es war nie die Rolle der jungen Geliebten, nach der sich Erika Kerner verzehrte. Es waren die reifen Rollen, für die sie sich von Anfang an empfahl: Als Minna von Barnhelm stand sie im ersten Jahr auf der Bühne, im zweiten war es schon die Iphigenie. In Cottbus war sie Mutter Courage und Schwester Ratched in „Einer flog übers Kuckucksnest“ , Margareta in „Richard III.“ und Miss Furnival in der „Komödie im Dunkeln“ , die Aase in „Peer Gynt“ . . .
Über 130 Rollen hat sie in ihren 41 Theaterjahren gespielt, über 130 verschiedene Leben gelebt - und dabei ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt, so wie der große Theatermann Max Reinhardt jenen seligen Schlupfwinkel Theater beschrieb, der es Menschen möglich macht, bis an ihr Lebensende weiterzuspielen. „Um sich dieses Staunen über die Welt zu erhalten, braucht es eine Atmosphäre, wo Fantasie und Kreativität gedeihen. Ich bin glücklich, diese in Cottbus gefunden zu haben“ , sagt Erika Kerner.
In Ungarn geboren, siedelte sie neunjährig mit ihrer Familie nach Dresden um, wo sie, bevor sie vom Schauspielberuf zu träumen wagte, sich erst einmal die Sprache eroberte: „Das rollende R wurde ich lange nicht los“ , erzählt sie. Ein solider Beruf für seine Tochter schwebte dem Vater vor. Erika Kerner lernte zunächst Chemielaborantin. „Als ich später an der Theaterhochschule 'Hans Otto' in Leipzig war, dauerte es zwei Jahre, bevor mein Vater zu einer meiner Vorstellungen kam. Damit war der Bann gebrochen. Bis zu seinem Tod war er mein treuster und kritischster Zuschauer.“
Nach dem Studium nahm sie Engagements an den Theatern in Freiberg und Magdeburg an, bevor sie 1971 in Cottbus landete.
Seit 1998 lebt Erika Kerner mit ihrem Mann im Spreewalddorf Byhleguhre. An der Südseite des Hauses wächst Wein, davor eine alte Schwenkpumpe. „Das muss so bleiben. Denn so denke ich an Ungarn und an Goethes Gartenhaus“ , schwärmt sie und ihre Augen lachen. Sie mag die Nachbarn, freut sich auf den Sommer im Garten, auf die Pilze im Wald. Es ist eine der Überraschungen ihres Lebens, auf die sie sich einließ: „Wir sind dort in eine neue eigene Welt eingetaucht und wollen in ihr leben.“
Und doch fühlt sie sich auch heute noch ganz als Cottbuserin. „Dort ist mein Theater. Ich hänge mit ganzem Herzen an ihm und an seinem Publikum, es ist Teil von mir und ich von ihm.“ Der andere Teil aber gehört ihrer Familie. So feiert Erika Kerner in diesem Sommer nicht nur ihren 65. Geburtstag, sondern auch ihren 40. Hochzeitstag mit Hans-Peter Jantzen oder Fiete, wie er seit ihrer gemeinsamen Studentenzeit genannt wird. „Es hat sich gut eingespielt, da sind Vertrauen und Verlässlichkeit. Es geht gut zusammen, und so geht es auch gut allein“ , versucht sie das Geheimnis einer so langen Beziehung zu umschreiben, ohne es gänzlich zu enthüllen. Und da sie all die Jahre in Cottbus auch gemeinsam auf der Bühne standen, gibt es zwangsläufig auf der Bühne ihres gemeinsamen Lebens immer wieder Theater. Und das im besten Sinne des Wortes. Was schließlich auch die Tochter Bettina Jantzen nicht ungerührt lassen konnte. Sie ist Dramaturgin am Staatstheater, die achtjährige Enkeltochter tanzt im Kinderballett.
Woher die tänzerische Begabung der Enkeltochter stammt, wird das Theaterpublikum am Samstag leicht feststellen können. Und nicht nur das. Wer die „Sechs Tanzstunden“ erlebt, weiß am Ende auch: Das Leben hält Überraschungen bereit, wenn man bereit für Überraschungen ist. Und Erika Kerner war ihr ganzes Schauspielerinnenleben bereit für Überraschungen, ist es noch heute.
Zwar hatte sie in ihrer Jugend auch so eine Liste von Rollen, von denen sie träumte, auf der ganz oben die „Heilige Johanna“ stand, mit der sie die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule bestanden hatte. Aber irgendwann legte sie die Liste beiseite und ließ sich überraschen und stellte dabei erstaunt fest, dass es fantastische Rollen gibt, von denen sie gar nicht geglaubt hätte, dass es Traumrollen sind. Die Mathilde in Dürrenmatts „Physikern“ war so eine, die betrunkene Witwe in der „Komödie im Dunkeln“ und die Margareta in Shakespeares „Richard III.“ . „Diese Gestalten leben alle in mir. Welch ein Glück ist es, wenn so unerwartete Dinge geschehen“ , sagt Erika Kerner. Gibt es dennoch eine Rolle, der sie nachtrauert, die sie gern in ihrem zweiten Schauspielerinnen-Leben spielen würde? Kurzes Überlegen, dann blitzen ihre Augen schelmisch auf: „In meinem zweiten Schauspieler-Leben übernehme ich die Männerrollen. Davon gibt es mehr.“
Das Schauspiel von Richard Alfieri „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ hat am 10. März, 19.30 Uhr Premiere in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus. Weitere Vorstellungen am 11., 15., 17., 18. und 28. März.