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| 18:08 Uhr

Staatstheater Cottbus
Mit der Klarinette zur Klangmagie

Beim letzten Philharmonischen Konzert dieser Spielzeit war  Jérôme Comte als Soloklarinettist zu erleben. Es dirigierte Jonathan Stockhammer aus Los Angeles.
Beim letzten Philharmonischen Konzert dieser Spielzeit war  Jérôme Comte als Soloklarinettist zu erleben. Es dirigierte Jonathan Stockhammer aus Los Angeles. FOTO: Marlies Kross / marlies Kross
Cottbus. Beim 8. Philharmonischen Konzert steht mit Jérôme Comte ein Klarinettist im Vordergrund. Von Rüdiger Hofmann

Den 100. Todestag von Claude Debussy (lebte von 1862 bis 1918) im März dieses Jahres nimmt das Philharmonische Orchester zum Anlass, den berühmten französischen Komponisten zu porträtieren. Im Mittelpunkt des Konzertabends stehen seine Ballettmusik „Jeux“ (Spiele) und die „Images“ (Bilder).

Jonathan Stockhammer ist nach Abschluss seiner Studien 1998 von Kalifornien nach Deutschland gezogen und dirigiert im synfonischen Bereich zahlreiche Radiosinfonieorchester, wie das SWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, das WDR Sinfonieorchester Köln, das Orchestre Philharmonique de Radio France, das Orchestre National de France, das Sydney Symphony Orchestra oder auch die Deutsche Kammerphilharmonie.

An diesem Abend startet er mit den „Rundtänzen im Frühling“ aus „Images“ („Rondes de printemps) – ein kurzer, lebhafter Auftakt, inspiriert von zwei Volksweisen, keine zehn Minuten lang, der aber zugleich zeigt: Der Mann, der bereits den Echo Klassik und den Grammy Award gewonnen hat, hat Spaß an dem, was er tut, und das Orchester scheint ihn zu mögen. Im späteren Verlauf des Abends wird er auch noch in Kontakt mit dem Publikum treten und eine Moderatorenrolle zwischen den Stücken ausüben.

Dann folgt das Auftragswerk des Staatstheaters Cottbus, „Quelques traces dans l´air“ („einige Spuren in der Luft“), komponiert von Philippe Hurel und in Cottbus uraufgeführt. Solist Jérôme Comte, Preisträger zahlreicher internationaler Wettbewerbe, hat seinen großen Auftritt, an den man sich aber erst gewöhnen muss. Zu schrill wirkt die Darbietung an der einen oder anderen Stelle, zu nervig sind einige der Tonhöhen, zu kreischend einige der Tonausbrüche. Die Soloklarinette wird noch verstärkt durch die zwei Klarinetten im Orchester, was zu Echoausbreitungen und Verzögerungen führt.

Das Ausgangsmaterial ist sehr beschränkt – auf- und absteigende Motive und schnelle Registersprünge bilden den Kern, bewahren das Stück aber auf einer schwer zugänglichen Ebene. Und dennoch: Die Leistung des Klarinettisten ist auf sehr hohem Niveau, hat etwas Magisches an sich. Er lässt seine Virtuosität aufblitzen, und man kann ihm nur gratulieren, wie technisch brillant er sich – auch mittels wechselnder Grifftechniken – durch die vorgelegte Partitur kämpft. Der Komponist verweist hinsichtlich der Entstehung des Werkes im persönlichen Bereich auf den Verlust zweier Verwandter. „Bei allem Abstand zwischen Musik und Realität sind diese Spuren in der Luft für mich eine Andeutung sich überstürzender Eindrücke und von Erinnerungen, die mir geblieben sind“, so Philippe Hurel.

Nach der Pause präsentieren die Musiker ausschließlich Debussy. Aus „Images“ entspinnt der Orchesterapparat in „Gigues“ einen lebhaften Tanz. Die musikalische Entwicklung lebt von der zunehmenden Durchdringung barocker und impressionistischer Sphären mit ihren jeweiligen Themen und weiterführenden Variationen. Auffallend sind die häufigen Rhythmuswechsel und Punktierungen, die vor allem die Streicher gut herausarbeiten. Der erste und letzte Satz von „Ibéria“ verweisen auf spanische Musik, inspiriert von der Rondoform. Bilder lebendiger Straßenszenen entstehen vor dem inneren Auge. Im Mittelteil kommt das musikalische Geschehen ein wenig zur Ruhe – die Faszination und die atmosphärische Dichte einer spanischen Nacht werden dargestellt. Der dritte Satz erweckt die Szenerie neu zum Leben. Man nimmt Glocken aus dem Orchester wahr.

Die Ballettmusik „Jeux“ entstand 1912/13 – und strotzt vor polyrhythmischen Kombinationen. Rund 20 Motive werden vom Orchester immer wieder verändert. Selbst Parallelen zu Richard Wagners „Parsifal“ werden bezüglich der Orchestrierung erkennbar, und die Verwicklungen der Balletthandlung zwischen einem jungen Mann und zwei Frauen lassen auch einen gewissen erotischen Charakter nicht außen vor.

Entscheidend bei Debussy aus kompositorischer Sicht: die Verschränkung von Motiven und Formelementen und dadurch die Entwicklung einer eigenen Tonsprache. Als Komponist ist Claude Debussy heute noch berühmt und unvergessen für seine Klavierstücke von impressionistischem Charakter, durch die er als Bindeglied zwischen Romantik und Moderne gilt.

Er vermochte es, in seinen Werken Einflüsse außereuropäischer Musik (insbesondere der südostasiatischen) aufzunehmen, wodurch seine Musik eine ganz eigene Harmonik entwickelte. Da die aus seiner Verwendung von Ganztonleiter und Pentatonik erzeugten Klangbilder einen fremden, sphärischen und schwebenden Charakter hatten, wurde Debussy auch als der führende Komponist des Impressionismus bezeichnet. Diese Hauptaussage trifft das Philharmonische Orchester an diesem Abend vortrefflich.

Seinen Werken zu lauschen, ist auch heute noch ein ganz besonderes Vergnügen – als ob man in eine Welt, in mattes Mondlicht getaucht, eintritt, in dem Dinge keinen festen, aber einen schimmernden und klaren Charakter haben. Die Klarheit des Mondes – wie bei „Clair de Lune“.