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| 12:55 Uhr

Porträt
Axel Bosse meldet sich mit neuem Album zurück.

Der Sänger Bosse (Aki Bosse) steht am 03.09.2016 im IFA Sommergarten in Berlin bei dem Festival "Fritz DeutschPoeten" im Publikum. Foto: Britta Pedersen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Der Sänger Bosse (Aki Bosse) steht am 03.09.2016 im IFA Sommergarten in Berlin bei dem Festival "Fritz DeutschPoeten" im Publikum. Foto: Britta Pedersen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit FOTO: dpa / Britta Pedersen
Berlin/Cottbus. Dass bei Bosse alles fließt, fast schon mühelos flutscht, scheint sonnenklar. Er lächelt, ganz nach dem Motto: „Das Leben ist kurz, zu kurz für ein langes Gesicht“. Von Gitta Dietrich

Ganz entspannt ist er – Sänger Axel „Aki“ Bosse. Keine Starallüren, kein Heititei. Dabei werden die Deutschpop-Hymnen des 38-Jjährigegebürtigen Niedersachsen im Radio rauf- und runtergespielt. Jeder seiner Hits nistet sich im Kopf ein. Wer ihn und seine Band live gesehen hat, ist begeistert – er gibt 150 Prozent, egal ob in großen oder kleinen Arenen, wirft sich schwitzend in die Massen, reißt mit.

Dass bei Bosse alles fließt, fast schon mühelos flutscht, scheint sonnenklar. Er lächelt, ganz nach dem Motto: „Das Leben ist kurz, zu kurz für ein langes Gesicht“. So lauten wunderbar treffend Zeilen in der ersten Single seines gleichnamigen neuen Albums „Alles ist jetzt“. Es ist fast so, als träfe man einen alten Kumpel, man duzt sich, weil es sich einfach richtig anfühlt. Die Beine übereinander geschlagen, zwischen Käffchen und Fluppe, erzählt Aki von seinen Liedern über Freundschaft, Liebe und mehr – aber auch von Brandenburg.

Er war nicht nur Headliner auf dem Helene Beach Festival. Die Familie seines Vaters stammt aus Niederjesar in Märkisch-Oderland. Früher ging es daher häufig zu den Großeltern in den Osten. „Ich hatte das Glück, dass wir nicht weit weg von der Grenze gelebt haben, und so durfte ich ‚rübermachen‘ zu Familienfesten.“ Dass der Wind dort kalt um die Ecke gepfiffen habe, daran erinnert er sich. Aber schön sei es gewesen. Die Oma lebt mittlerweile in Braunschweig bei seinen Eltern.

Eine von Bosses stärksten Nummern ist und bleibt „Frankfurt (Oder)“ mit Anna Loos (2011). „Ich wollte damals ein Liebeslied machen, und es passiert bei mir oft, dass sich Kindheitserinnerungen und das Jetzt vermischen – früher, heute, die Zukunft.“ Unerwartet hat der Song dieses Jahr sein Comeback im Ausland gefeiert. „Zoutelande“ heißt es in den Niederlanden, von Bløf und Geike Arnaert interpretiert. „Es ist schon der Wahnsinn, dass ganz Holland es jetzt singt“, findet Bosse.

Sein Erfolg ließ indes lange auf sich warten: 2005 erschien das Debütalbum „Kamikazeherz“, Bosse spielte als Vorgruppe von Madsen und Mando Diao. Erst sechs Jahre später erlangte er größere Bekanntheit mit „Wartesaal“. Die Ode an die Oderstadt belegte den dritten Platz beim Bundesvision Song Contest. Seitdem läuft es wie geschmiert. Die letzte Platte „Engtanz“ ist aus dem Stand an die Chartspitze gestürmt.

Dass dies dem mittlerweile siebten Studioalbum ebenfalls gelingen wird, steht außer Frage. Die zwölf Tracks haben Ohrwurmpotenzial – Gute Laune-Musik mit Zwischentönen. „Ich bin so sozialisiert, bin eben so ein Popper. Für mich macht Musik ohne Hookline nur ganz selten Sinn. Ich liebe Melodien.“

Aber Bosse wird auch politisch, besonders bei „Robert de Niro“. Sätze wie „Wutbürger schreien im Fernsehen. Hass kommt von sozialer Ungerechtigkeit, vielleicht von fehlendem IQ? Aber das da ist einfach nur Nazi-Scheiß, die allerschlimmste, unmenschlichste Wut“ sind zu hören. „Ich habe nie Musik gemacht, weil ich ‚Politkracher‘ schreiben wollte. Hatte aber jetzt das Gefühl, dass es höchste Zeit ist, sich auch musikalisch zur Lage im Land zu äußern – in der Zeit des Rechtsrucks. Ich als Musiker und als Mensch halte es für total wichtig, zwischen meinen Nummern über Freundschaft, Beziehung, Familie ein politisches Statement zu setzen“, sagt Bosse.

Im Gegensatz dazu ist das bereits ausgekoppelte „Augen zu Musik an“ Feier-Mucke zum Loslassen, zum Kopf-Ausschalten, bei der Aki im Video die leicht angetrunkene Schauspielerin Anna-Maria Mühe in einem Einkaufswagen durch die Nacht der Großstadt kutschiert.Bosses Universum dreht sich nicht nur um die Musik. Er ist vielfältig karitativ unterwegs. Eine Aktion, die er unterstützt, ist „Ein Zelt kann ein Zuhause sein“ für den Verein „Hanseatic Help“. Hier fordert er Festivalbesucher bei seinen Auftritten auf, ihre Isomatten und Zelte nicht einfach sorglos stehen und liegen zu lassen, sondern zu spenden – für Obdachlose in Hamburg, Kiel und Bremen. Allein 15 000 der „Hinterliegenschaften“ kamen allein nach dem Deichbrand-Festival Bedürftigen zugute.

Das „für andere da sein“ teilt er mit seiner Frau. Ayse Bosse war früher Model und Schauspielerin, vor Jahren hat sie sich vom grellen Scheinwerferlicht verabschiedet, kümmert sich heute unter anderem um sterbenskranke Kinder, hat sich zur Trauerbegleiterin ausbilden lassen, ist Buchautorin. Viel mehr ist nicht bekannt. Sein Privatleben beschützt Bosse, intime Homestories gibt es von dem Popstar nicht, auch wenn er in den Sozialen Netzwerken wie Instagram jeden Tag aktiv ist – Bilder und Videos auf Schritt und Tritt postet.

Dafür gibt er sich alles andere als schüchtern bei seinen Konzerten: Live-Auftritte sind das Lebenselixier für Bosse. Lange zog er vor seinem großen Durchbruch durch die Lande, spielte vor einer Handvoll Leute. „Vor zehn Jahren sind wir mit einem Sprinter einer Blumenhändlerin Tausende von Kilometern von Klitsche zu Klitsche gefahren. Da kam keiner, und da weiß man, den Erfolg noch mehr zu schätzen.“ Ein Grund, warum er dieser Tage so dankbar ist und in kleinen Clubs aus frühen Tagen auftritt. So ist er Dauergast in Cottbus, im Glad-House; bereits mit 14 stand er dort auf der Bühne.

Tickets für seine November-Konzerte in Berlin und Cottbus gibt es nicht mehr. Aber für März kann man noch Karten für die Hauptstadt ergattern; gleich zwei Auftritte bestreitet Bosse in der Columbiahalle.

Bosse: „Alles ist jetzt“ (Vertigo Berlin/Universal Music); Konzert: 1. November, Glad-House Cottbus.