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| 14:15 Uhr

Frank Schäfer mit Erinnerungen in Cottbus
„In Cottbus Lust auf die Bühne entdeckt“

Frank Schäfer hat viele bunte Erinnerungen – auch an Cottbus. Jetzt hat er seine Autobiografie geschrieben.
Frank Schäfer hat viele bunte Erinnerungen – auch an Cottbus. Jetzt hat er seine Autobiografie geschrieben. FOTO: Gunnar Leue
Der Sohn des DDR-Starschauspielers Gerd E. Schäfer erzählt über ein Leben als Friseur und Partymaus. Von Gunnar Leue

Frank Schäfer, Sohn des beliebten DDR-Starschauspielers Gerd E. Schäfer, hat seine Autobiografie geschrieben. Die RUNDSCHAU sprach mit ihm über ein Leben als Friseur, Partymaus des DDR-Undergrounds und Stilikone in Ost und West.

Sie sind ein landesweit bekannter Friseur, hätten heute aber auch ein Dirigent sein können?

Schäfer Stimmt. Ich ging als Kind auf eine Berliner Spezialschule für Musik, habe Klavier gespielt und in Kinderopern gesungen. Ich durfte sogar mal ein Solo singen, bei einem Pioniertreffen in Cottbus, wo auch Westberliner Schüler und Lehrer hinkamen, alles Abgesandte von der SEW, einem Ableger der SED. Vor Aufregung auf der Bühne vergaß ich den Text des Pionierliedes und begann zu weinen. Das Publikum fand das süß. Als mir unsere Gesangslehrerin soufflierte, fiel mir irgendwann der Text wieder ein und ich sang das Lied wie ein Schlagerstar mit großen Gesten, wobei ich die ganze Zeit weinte. Hinterher bekam ich von den SEW-Leuten einen riesigen Teddy geschenkt. Im Nachhinein fand ich meinen Auftritt super.

Sie haben quasi auf der Cottbuser Bühne Ihr Showtalent entdeckt?

Ich fand vor allem toll, dass ich, als eigentlich eher ruhiges Kind, da im Mittelpunkt stand.

Warum sind Sie dann kein Schlagersänger geworden, sondern Friseur und später Maskenbildner?

Schäfer Ich bin in der zehnten Klasse von der Schule geflogen, weil ich mal eine Westplatte von The Sweet mit in die Schule gebracht hatte. Für mich kein Beinbruch, ich war ohnehin nicht so musikalisch wie man dachte. Ich wollte früh Friseur werden, weil ich gar nicht populär werden wollte, vielleicht auch, weil ich so anders aufgewachsen bin. Mein Vater war ein absoluter Schöngeist mit einer riesigen Hausbibliothek. Bei uns verkehrten Regisseure, Kostümbildner, andere Schauspieler, aber keine Klempner, Bäcker und Friseure. Für mich war der Friseurberuf so exotisch wie für andere Kinder vielleicht ein Dichter. Wie die Friseusen in ihren abgewetzten Kitteln im Salon standen und miteinander erzählten, fand ich scharf. Rumstehen und quatschen, das wollte ich auch.

Rumstehen und quatschen, dazu kam sonnabends nach Feierabend noch „Goldkrone“ trinken, wie Sie ihren Lehrlingsalltag in einem Damensalon beschreiben.

Klingt nach echtem Werktätigen-Rock ’n’ Roll?

Schäfer Oh ja, da ging die Post ab. Die Kundinnen brachten Schnaps mit, der gemeinsam mit den Friseusen gepichelt wurde. Und ich musste natürlich immer mittrinken.

Als Jugendlicher sind Sie irgendwann in der Punkszene gelandet, was zum Friseurwesen erst mal kaum zu passen scheint.

Schäfer Oh doch, diese kreative Anarchie des Punk konnte ich auch beim Frisieren ausleben. Selbst beim DDR-Modeinstitut, wo ich Anfang der Achtziger nebenbei als Maskenbildner und Friseur tätig war, kam das Punkige gar nicht so schlecht an. Dort war man damals dankbar, dass jemand etwas frische Luft reinbrachte.

Sie machten damals auch in der Punkmodenschau „Chic Charmant und Dauerhaft“ mit, die einen legendären Ruf als Underground-Performances hatten?

Schäfer Allerdings. Mein Freund Sven Marquardt (heute Fotograf und legendärer Türsteher im Berghain-Club/d.R.) und ich traten damals außerdem bei Partys in Wohnungen auf. Die wurden von uns komplett zerlegt, so als Showperformance. Auch bei Punkkonzerten machten wir als Go-go-Tänzer auf der Bühne Bambule, bis die Leute ausgerastet sind und sich kloppten.

Sie waren als einer der wenigen in der ganzen Breite der DDR-Musikszene unterwegs - vom Schlager bis Punk!

Schäfer Ich habe immer geguckt, wo ich auftreten kann, obwohl ich gar kein Talent hatte. Diese Unbeschwertheit mochte auch Silly-Sängerin Tamara Danz, die zu meinen Kundinnen zählte, sehr an mir. Ich trat bei drei „Heavy Christmas“-Partys, quasi geschlossene Weihnachtsfeiern der Ostrockgruppen, in irgendeinem Kulturhaus am Rande von Berlin auf. Da habe ich in verschiedenen Verkleidungen 50er-Jahre-Schlager gesungen. Meine Gesangsqualität hat niemand bewundert, aber jeder meinen gnadenlosen Mut.

Empfanden Sie die DDR jener Zeit auch als eine Art Abenteuerspielplatz?

Schäfer Ja, allerdings hatte ich immer einen festen Job als Friseur und war sehr zielstrebig. Mit 28 hatte ich mich genug ausgetobt und bin in den Westen gegangen. Mir war klar, dass dort was anderes gespielt wird, was ich auch spielen wollte.

Warum sind Sie aus der DDR überhaupt abgehauen?

Schäfer Echten Druck, die DDR zu verlassen, verspürte ich gar nicht, aber ich wollte was Neues erobern. Im Osten hatte ich einen Namen und merkte, dass ich satt und faul wurde, lief ja alles. Im Prinzip wollte ich nur wissen, ob ich auch im Westen bekannt werden könnte. Die Freiheit im Westen fand ich extrem toll, obwohl dort eine wirtschaftliche Diktatur herrschte. Ich hatte damit aber kein großes Problem und kaum Anpassungsschwierigkeiten. Ich finde, die DDR war mal ein Traum von einer besseren Gesellschaft, aber der Mensch funktioniert so nicht. Er ist letztlich auf Wettbewerb ausgerichtet, jeder will den anderen übertölpeln. Das finde ich nicht gut, aber leider ist es so. Ich glaube auch, wenn Leute heute erzählen, dass es früher im Osten irgendwie besser war, sehnen sie sich eigentlich nur nach ihrer Jugend zurück.

Sie haben in der DDR als Punk und als Schwuler viel Schikane erlebt, wurden oft willkürlich verhaftet, bekamen Alexanderplatz-Verbot. Trotzdem wären Sie in die SED eingetreten, wenn man Sie gefragt hätte, schreiben Sie in Ihrer Autobiografie.

Schäfer Ja, denn ich hatte immer ein Kalkül, wie ich vorwärtskommen könnte. Beruflich, nicht beim Geldverdienen. Wenn man ein Ziel hat und es erreicht, macht das einfach Spaß. Viele verwechseln ja Vorwärtskommen und Karriere mit Geld. Aber ich finde die Jagd nach Geld Quatsch, genauso wie die Jagd nach dem Glück, die die Leute heutzutage alle verrückt zu machen scheint. Karriere, Liebe, Geld – da brauchste Glück, klar. Aber entweder kommt es von selber oder eben nicht. Na ja, und zu den Genossen - die hätten mich sowieso nicht genommen. Die haben mich auch nie gefragt und wenn, hätte ich mich wohl doch eher drüber tot gelacht.

Rennen Ihnen die Kunden eigentlich den Laden ein, weil Sie ein medienbekannter Friseur sind, haben Sie viele Stammkunden?

Schäfer Unsere Kunden kommen aus ganz Berlin und dem Umkreis, Cottbus, Magdeburg. Meistens sind  es komischerweise Lehrerinnen, Schuldirektorinnen, Ärztinnen, Psychologinnen.

Keine Männer?

Schäfer Wenige, wir haben lange Voranmeldezeiten. Männer wollen immer fix rankommen und schnell fertig sein.

Aber nach Schamhaarfrisuren, mit denen Sie in den Neunzigern für Aufsehen sorgten, fragt niemand mehr, oder?

Schäfer Nee (lacht), das Angebot des Kreuzberger Salons, in dem ich damals arbeitete, war ja als Witz gemeint. Es kamen auch keine Kunden, sondern nur lauter Journalisten, und eines Tages stand sogar Jean-Paul Gaultier im Laden, um uns zu interviewen.

Mit Frank Schäfer
sprach Gunnar Leue

Frank Schäfer: Ich bin nicht auf der Welt, um glücklich zu sein. Autobiografie. Aufgeschrieben von Patricia Holland Moritz, zahlreiche Abbildungen, 280 Seiten, 12,99 Euro, erschienen im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf