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| 17:45 Uhr

Zeitgenössische Kunst
Zwischen Nähe, Distanz und Haltung

Frankfurt (Oder). Ausstellungen des Landesmuseums setzen sich in Frankfurt (Oder) mit Positionen polnischer und deutscher Künstler auseinander. Von Thomas Klatt

Sisyphus hat keine Lust mehr. Er rollt, fast macht es ihm Spaß, die Kugel den Berg hinunter. Er gibt ihr dazu noch einen kleinen Tritt. Ein Holzschnitt von Wolfgang Mattheuer aus dem Jahre 1973 ist eine der vielen sehenswerten Druckgrafiken in dieser Ausstellung. In Mattheuers Arbeit ist ein ziemlich genauer Zeitabschnitt erkennbar. 1973 – eine Zeit des zaghaften Aufbruchs der DDR, dem nur wenig später der Rückfall in beinahe alte Zeiten folgte. Zumindest wäre das eine von mehreren deutschen Sichtweisen. Edward Dwurnik (geboren 1943) hat einen anderen politischen Blickwinkel. Sein „Kreuzkopf“, eine Kaltnadelradierung aus dem Jahre 1985/87, zeigt Menschen, denen Holzkreuze aus den erstarrten Köpfen wachsen. Eine Replik auf die polnische Gesellschaft und ihre klerikale Verwurzelung, verbunden mit großer, individueller Hingabe. Eine Kombination, die wieder sehr aktuell erscheint.

„Nähe und Diystans. Sasiedzztwo i Distanz“ – die gemischte Schreibweise ist gewollt – ist der Titel einer neuen Ausstellung, die gegenwärtig in der Frankfurter Rathaushalle gezeigt wird. Sie basiert auf dem druckgrafischen Bestand des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst. Seit Beginn der 90er-Jahre sammelte schon die Vorgänger-Institution, das Museum „Junge Kunst“, Druckgrafik des Nachbarlandes und brachte den Bestand in die Fusion ein.

Von 20 polnischen sowie 16 überwiegend aus der DDR stammenden Künstlern werden etwa 120 Druckgrafiken vorgestellt. Angeordnet sind sie chronologisch, was das Zuordnen und den Rückblick in die Zeit erleichtert. Die 80er-Jahre stehen dabei im Mittelpunkt. Zu sehen sind als polnische Vertreter zum Beispiel Stanislaw Fijalkowski, Jacek Gaj und Krystina Piotrowska. Unter den deutschen Künstlern finden sich bekannte Namen wie Wolfgang Mattheuer, Michael Morgner, A. R. Penck, Hans Ticha und Max Uhlig – allesamt aus den Beständen des Museums.

Was es nun mit dem Verweis auf Nähe und Distanz auf sich hat, ist der Rezeptionsleistung des Besuchers überlassen. Denn die Auffassungen von Kunst waren in beiden Ländern unterschiedlich. Während manch DDR-Künstler dem Glauben an den Kommunismus als eine gerechte Gesellschaftsordnung nachhing, dabei die DDR für reformierbar hielt, zeigten sich schon frühzeitig polnische Künstler desillusioniert, geradlinig und kompromisslos. Utopie? Nicht mit uns! Als wollten sie über Spree und Neiße rufen: Seht ihr es nicht? Die betrügen euch!

Ihre künstlerischen Antworten waren sarkastischer, auch direkter. Gab es keine Zensur? „Kaum“, sagt Marta Gendera, Museumsleiterin des Art Center Gorzow Wielpowski in Gorzow. Künstler hätten relativ viel Freiheit gehabt, wenn sie nicht zu direkt wurden. Die Freiheit in der Kunst sei hoch geachtet worden. Aber in welche Richtung orientierten sich vorrangig die Künstler beider Länder? Ironischerweise beide nach Westen, wenn auch über Umwege. „Polen war für den DDR-Bürger der Rückspiegel für den Westen“, so die Auffassung nicht nur unter polnischen Künstlern, weiß der Kurator der Ausstellung, Armin Hauer. Schon seit Beginn der 90er-Jahre hatte Hauer Kontakte nach Polen und pflegt sie bis heute weiter.

Während Hans Ticha 1979 noch eine Schlagersängerin als Karikatur mit Stimmgabeln als Hände und Schallplatten-Brüsten malte, sah Jacek Sroka in seiner Aquatinta-Radierung „Letzte Landschaft“ zehn Jahre später eine düstere Endzeitstimmung. Und aus dem Himmel heraus wacht symbolisch das dreieckige Auge über uns allen. Unaktuell ist das gerade nicht.

Aber auch anderes hält die Schau bereit. So Werke der brandenburgischen Kunstspreisträgerin Mona Höke aus Cottbus, die Lyrik und Prosa von Elke Erb, Bert Papenfuß und anderen kalligrafisch verarbeitet. Stanislaw Fijalkowski hingegen geht zurück in die Kunstgeschichte. Mit Kreisen, Dreiecken und Sichelformen gibt er Renaissance-Holzschnitten mit Bibel-Motiven neue Inhalte. Nicht jedem wird das in Polen gefallen. So entstehen sehenswerte Kontraste, die letztlich auch zur persönlichen Positionierung herausfordern: Wie verhalten sich Künstler unter politischem Druck? Wo machen sie Kompromisse? Und ist eine ironische Sichtweise auf die Gesellschaft ausreichend?

Museumsdirektorin Ulrike Kremeier will jedenfalls die Beziehungen zu polnischen Künstlern und Museen vorantreiben. Zeitgleich ist im Frankfurter Packhof eine weitere Ausstellung mit dem Titel „Dieser fatale Hang der Geschichte zu Wiederholungen“ zu sehen. Sie greift zum großen Teil auf Werke des Art Center Gorzow Wielpowski zurück. Auch hier werden politische Themen verhandelt: Staatskunst oder ästhetische Eigenständigkeit? Kollektives Erzählen oder autarkes Handeln? Unter der Dachmarke „Blicke auf Polen / Blicke nach Polen“ sind es sieben Ausstellungen an beiden Seiten von Oder und Spree, die da in den nächsten Monaten kommen werden. Ein anspruchsvolles Vorhaben.

Ausstellungen im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst, Rathaushalle, Marktplatz 1, Frankfurt (Oder); „Nähe und Dystans – polnische und deutsche Druckgrafik“, bis 4. November, Rathaushalle; „Dieser fatale Hang der Geschichte zu Wiederholungen – Positionen sechs zeitgenössischer Künstler aus Polen und dem Kosovo“, bis 18. November, Packhof, C.-Ph.-E.-Bach-Str. 11; außer montags 11–17 Uhr