Von Ida Kretzschmar

„Die gestenarmen Figuren scheinen Fetische, jedoch die Zauberkraft ist heute vergessen...“ Textzeilen von Thomas Herrmann (1963-1992) aus dem Ausstellungskatalog, die gleichsam den Blick öffnen für sein eruptives Schaffen. Da sind diese Figuren, die lange auseinandergerissen, gar als verschollen galten, nun im Foyer des Landeskunstmuseums wieder zusammengefunden haben. Spuren der Versehrtheit finden sich auf dem ölgetränkten Holz, Werkzeugspuren, Zeitspuren... Wie aufgeplatzte Fruchtschalen wirken sie, verletztlich, Schutz suchend und sich gleichzeitig nach außen öffnend.

Immer wieder taucht dieses Existenzielle, Embryohafte, Kosmische in Herrmanns Werken auf, schürft der junge Künstler nach den Ursprüngen der Kunst und ihrer Riten. Im Drang zum Außergewöhnlichen nähert sich seine Ausdrucksform einer steinzeitlichen Höhlenwand. Dann liegt sie am Boden wie Mammutgebeine – verletzte Weidenreste aus dem Spreewald, die mit Mullbinden zusammengehalten werden. Aufatmend schimmert sie im „Honiglichtblock“, auch Pücklers Pyramiden scheinen hindurch. Figürliches indes ist selten auszumachen, wie auch kaum ein Titel zu finden ist. Beize, Erde, Mull sind ihm Material. Gipsfiguren zerbröseln. Holz splittert. Herrmann probiert, spielt mit Pergamentersatzpapier, experimentiert mit dem Kopiergerät, verwirft... Ein Werk, das in seiner fieberhaften Sinnsuche menschlichen Daseins gefangen nimmt. Rund 100 Arbeiten, Skulpturen, Zeichnungen, Plakate und Objekte offenbaren eine erstaunliche Vielfalt künstlerischen Schaffens. Und sie lassen zugleich die Rastlosigkeit des Künstlers ahnen, die Begrenztheit der Zeit fühlen, in dem sie entstanden ist. Womöglich auch die Angst, sich selbst und der Welt nicht zu genügen.

„Loch ist Hoffnung“ ist die Ausstellung im Cottbuser Dieselkraftwerk des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst überschrieben. So hat auch Thomas Herrmann eine seiner Zeichnungen aus dem Zyklus Auflösung betitelt. Eine Mappe, die lange unberührt war, wie Kurator Jörg Sperling weiß. Die Zeichnungen, lichter als die dunkle, erdige Malerei gegenüber, wirken wie zarte Entwürfe für noch Unbehauenes, entstanden womöglich für eine Bildhauerausstellung, zu der Herrmann nicht mehr fahren würde. Die Formen verschwimmen, trennen sich vom Figürlichen, lösen sich förmlich auf.

Die 64 Arbeiten gehören zu den letzten Zeugnissen des vielgestaltigen Werkes des Cottbuser Künstlers, entstanden in nur sieben Jahren. „Es ist die erste größere Ausstellung aus dem Nachlass des Künstlers und der Museumssammlung. Auch Leihgaben aus Privatbesitz sind darunter“, sagt Jörg Sperling, der selbst Leihgaben beisteuerte. Er hat zu dieser Ausstellung eine ganz besondere Beziehung, verband ihn doch Freundschaft zu dem Cottbuser Künstler, der mit knapp 29 Jahren den Freitod wählte. „Im September 1989 gehörten wir gemeinsam mit der Kunstliebhaberin Elke Dieminger und dem Bildhauer Manfred Reuter zu den Gründern der kleinen, unabhängigen Galerie 23 in der Cottbuser Marienstraße“, erzählt er.

Im gleichen Jahr noch stellte Herrmann dort aus. Gut 20 Jahre nach seinem Tod erinnerten seine letzten Arbeiten in der Galerie 23 an ihn. „Die Bandbreite, die wir auch bei dieser Ausstellung im Landesmuseum noch gar nicht voll erfassen können, weil zum Beispiel seine Videokunst noch der Aufarbeitung harrt, hat mich schon immer beeindruckt. Im Nachhinein aber ziehe ich noch einmal vor der Ausdruckskraft dieses fulminanten Werkes meinen Hut, die mit dem versammelten künstlerischen Nachlass sichtbar wird“, sagt Jörg Sperling.

Herrmanns künstlerisches Schaffen geriet mitten in den Strudel gesellschaftlicher Umbrüche in einem untergehenden Land. In der anarchischen Aufbruchstimmung warf Thomas Herrmann ein anvisiertes Studium über Bord, entwickelte seine Kunst autodidaktisch, getragen von der neoexpressiven Strömung in der Kunstlandschaft jener Jahre. Seine Skulpturen aus Gips und Holz sprechen von diesen Umbrüchen und Aufbrüchen, von Verunsicherung, Hoffnung, Krise und Angst. Eine wichtige Arbeit, die in der Künstlerfreundschaft mit Manfred Reuter entstand, findet sich jetzt auch in der Ausstellung. Ein schrundiges „Paar“, das sich einander zuzuneigen scheint und sich doch im Abstrakten auflöst. Es ist das einzige Überbleibsel aus der Werkgruppe „Termiten“, die im Juni 1989, damals noch illegal, in der heute weltweit agierenden Galerie Eigen+Art in Leipzig-Connewitz entstand. Die Galerie wurde zur Werkstatt. Das Ungewöhnliche: Ihr Material für die lebensgroßen Skulpturen suchten die Künstler in einem Bauabrisscontainer: Moniereisen, Drahtgewebe, Rödeldraht dienten als Befestigungsmaterial. Blech, Zement, Kalk, Lehm gingen mit Quark, Eiern, Rapsöl eine organische Verbindung ein. Diese und viele weitere bemerkenswerte Aspekte sind einem 48-seitigen Katalog mit 40 Werkabbildungen zu entnehmen, der zur Ausstellung erschien. Am Ende bleiben Fragezeichen: Was hätte aus diesem so hoffnungsvollen Beginnen noch alles werden können?

Thomas Herrmann: Loch ist Hoffnung. Arbeiten auf Papier, Plastiken, Objekte. Bis 14. Oktober im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst, Dieselkraftwerk am Amtsteich Cottbus. Danach wird die Schau im Schloss Wiligrad bei Schwerin gezeigt. In der Nähe ist ein Teil der Familie des Künstlers zu Hause.