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| 09:12 Uhr

Frankfurt
Ausgezeichnetes Forscherpaar

Frankfurt. Friedenspreis des deutschen Buchhandels geht an Aleida und Jan Assmann. Lothar Schröder

Man sollte sich Aleida und Jan Assmann als ein glückliches Paar vorstellen. Doch besser nicht im sisyphosschen Sinne, also nicht im Zeichen eines vergeblichen Tuns, sondern in einer gemeinsamen Forschertätigkeit, deren Nutzen bis heute fraglos wichtig geblieben ist. Auf eine Kurzformel gebracht lautet ihr kulturpolitischer Imperativ: Erinnere dich!

Nun werden beide mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt - traditionell im Oktober in der Paulskirche zu Frankfurt. Sie, die 71-jährige Anglistin aus Konstanz, er, der Heidelberger Ägyptologe (79). Natürlich ist die Ehrung auch ein Kommentar zur Zeit, zur Lage unserer Gesellschaft und was sie derzeit umtreibt und irritiert. Immer schon reagierte der Friedenspreis auf die Gegenwart und seine Erfordernisse. Auch darum wird nach "Vogelschiss"-Statements und Verharmlosungen der Shoah mit den Assmanns die Frage nach dem kulturellen Gedächtnis einer Nation wieder lauter gestellt.

"Sich erinnern" ist ein reflexives Verb. Es spiegelt immer den, der zurückblickt. Dadurch wird Gewesenes gegenwärtig; die Vergangenheit hat - in Anlehnung an Aleida Assmanns bekanntes Buch von 2006 - einen langen Schatten, der bis ins Jetzt reicht. Jede Rückschau ist darum auch politisch; das Erinnern wird dann zu einem Prozess, der aufzeigen kann, wie sich Einstellungen verändern können. Sie unterliegen der Zeit und bedürfen so der Vergewisserung. Wenn etwa rechtspopulistische Bewegungen an Kraft gewinnen und zunehmend Menschen nach Deutschland kommen, die mit dem Holocaust nichts verbinden. Man dürfe aber, so Aleida Assmann, die Erinnerungskultur "nicht ethnisieren". Wenn die Erinnerung an die Shoah in Deutschland mit einem ethischen Imperativ verbunden ist, wenn es also zum Fundament unserer Gesellschaft gehört, dass so etwas nie passieren dürfe, dann muss es auch so etwas wie eine positive Integration in die deutsche Erinnerungskultur geben.

Eine gesellschaftliche Identität ist nie einfach so vorhanden. Sie muss immer erst hergestellt werden, und ihr Fundus ist die Erinnerung. Dabei, so Aleida Assmann, sei es für eine Nation immer leichter, sich an Siege als an Niederlagen zu erinnern. Und was nicht ins heroische Bild passt, wird oftmals der Vergangenheit preisgegeben. Noch schwerer ist, wie in Deutschland, der Umgang mit Schuld und Scham. Ein positives kollektives Selbstbild lässt sich daraus kaum gewinnen.

Aleida und Jan Assmann sind ein großes Gelehrtenpaar unserer Zeit, die sich in Fragen der Zeit einmischen und sich auch in der Flüchtlingsdebatte zu Wort melden. Nun werden sie in der Paulskirche ausgezeichnet, an der Wiege des deutschen Parlamentarismus. Dieser Gedächtnisort wird mit den Preisträgern zu einer Stätte, an der sich die Gesellschaft ihrer Verantwortung bewusst werden kann.