Das Bühnenbild ist wohl so alt wie das Theater selbst. 465 v.Chr. wurde der erste Bühnenbildner namentlich erwähnt, blickt Mathias Rümmler, der von Theaterkritiker Hartmut Krug für das Bühnenbild zu "Windhunde und Turteltauben" am Cottbuser Theater als bester Nachwuchskünstler nominiert wurde, weit in die Geschichte zurück.

Vom alten Ägypten über die griechischen Dionysien, die Commedia dell'arte und das chinesische No-Theater bis zu moderner Bühnenkunst mit den technischen Möglichkeiten unserer Zeit. So hat sich über die Jahrhunderte die Zauberkiste des Theaters immer praller gefüllt. Computertechnik macht alles möglich - Räume entstehen selbst dort, wo keine sind. Hans-Holger Schmidt, der häufig Bühnenbilder für Ballett-Produktionen gestaltet, hat damit schon während seiner Zeit an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg experimentiert. Und doch - da sind sich alle Vier einig - kommt es nicht zuerst auf Technik und Fundus an, sondern die Zauberei im Kopf. Nur mit Fantasie kann es gelingen, andere Menschen auf eine fantastische Reise mitzunehmen - weit hinaus über den Bühnenraum. Manchmal ist dazu nicht viel nötig, ein anderes Mal alles, was die Trickkiste zu bieten hat.

Gundula Martin ist der berühmte englische Regisseur Peter Brook mit seiner Auffassung über den leeren Raum sehr nahe. Brook: " . . . ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist." An einem Bühnenbildmodell vorgeführt zeigt sich die Wirkung. Mit wenigen Elementen das Kopfkino beim Zuschauer in Gang zu setzen, das mag sie am meisten. Manchmal reicht es, einen Menschen in Beziehung zu einer übermächtigen Säule zu setzen, um sein Verhältnis zur Macht zu zeigen, auch sein bedroht sein. "Ein schwarzer Rahmen um die gesamte Bühne zieht das Geschehen nach vorn, ein schräger Rahmen lässt die Bühne kippen", demonstriert sie am Modell.

Natürlich gibt es auch Stücke, bei denen es zischen und knallen muss, bei "Jekyll und Hyde" zum Beispiel. Bei einer "Klappklapp-Komödie" wiederum braucht man viele Türen. Meist ist im Stück sogar genau vorgegeben, wo genau und in welchem Abstand sie sich befinden müssen. "Das ist dann Mathematik", wirft Cordula Körber ein, die nicht nur Bühnenbilder, sondern auch andere Räume künstlerisch gestaltet, so die Zeche Zollverein während der Veranstaltungen zur Kulturhauptstadt Europas "Ruhr. 2010". In Cottbus baut sie für den "Teufel mit den drei goldenen Haaren" eine Höhle aus knorrigen Ästen. "Das Schöne an einem Theater ist, dass es wie eine kleine Stadt funktioniert, Schreiner, Schlosser, Schneider, Hutmacher zu finden sind, die auch all die alten Techniken noch beherrschen", sagt Cordula Körber.

Wie das Bühnenbild am Ende aussieht, hängt aber nicht nur von den Intentionen des Bühnenbildners ab. "Nachdem ich das Stück gelesen habe, baue ich erste Modelle", erzählt Gundula Martin. "Dann treffe ich mich mit dem Regisseur, der ja auch eigene Vorstellungen hat und mit dem Dramaturgen. Wenn man Glück hat, spricht man eine gemeinsame künstlerische Sprache." Jedes Detail, das später das Bild auf der Bühne ergibt, wird zuvor im Modell dargestellt - Bastelarbeit, für die Gundula Martin auch schon mal eine alte Uhr demontiert. Dabei ist genauso Fantasie gefragt wie für die manchmal nicht enden wollenden Kostümvorschläge. Denn oft ist sie für die Gesamtausstattung eines Stückes zuständig. Selbst für Frisuren und Requisiten. "Wenn der Chor dabei ist, sind schon mal 60 Figurinen zu zeichnen."

Ein bisschen mehr Zeit für einzelne Produktionen würde sie sich manchmal wünschen. Wenn wie gerade eben "Sein oder Nichtsein" geprobt wird, parallel aber schon die Vorbereitungen für "Peer Gynt" und "Don Quijote" laufen, die Werkstätten wegen der Modelle drängeln und die Kostümbildnerei wissen will, aus welchem Stoff die Trollschwänze sein sollen. Ja aber wirklich: Wie sehen Trollschwänze aus? Und wie wird Don Quijotes Rosinante über die Bühne traben?

"Das Tolle an diesem Beruf ist, dass der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind", schwärmt die Ausstattungschefin. Und sie erinnert sich, wie der Regisseur Alejandro Quintana einmal zu ihr sagte: "Wir haben es gut, wir können spielen und uns alles wünschen." Und so eine ganze Welt entstehen lassen, eine Bühnenwelt, die mitunter tiefere Einblicke gewährt als die Realität.