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| 19:10 Uhr

Aufstieg und Fall eines Topmodels

Die dunklen Schatten seiner Vergangenheit lassen Dorian Gray (Jason Sabrou, rechts) nicht los. Seine tote Geliebte Sibyl (Greta Dato) und sein von ihm ermordeter Freund Basil (Niko König, links) suchen ihn heim.
Die dunklen Schatten seiner Vergangenheit lassen Dorian Gray (Jason Sabrou, rechts) nicht los. Seine tote Geliebte Sibyl (Greta Dato) und sein von ihm ermordeter Freund Basil (Niko König, links) suchen ihn heim. FOTO: Marlies Kross/pr
Cottbus. Der belgische Choreograf Lode Devos bringt Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" als Ballett auf die Cottbuser Kammerbühne. Die Tänzer des Staatstheaters brillieren in der Choreografie, die klassischen und modernen Tanz verbindet. Nicole Nocon

Er wäre ein Topmodel unserer Zeit - gehypt in Fernsehshows, ein Star auf dem Laufsteg, sein Gesicht auf den Titelseiten von Modemagazinen. Denn Dorian Gray (Jason Sabrou) ist außergewöhnlich schön. Seine unbefleckte Unschuld macht einen Teil seiner Schönheit aus.

Der Maler Basil (Niko König) ist begeistert von dem jungen Mann, dessen makellose Schönheit er in einem Porträt festhält. Vielleicht ist es mehr als Faszination, was Basil für Dorian Gray empfindet.

Den Lebemann Lord Henry reizt die Unschuld Dorians. Er nimmt ihn an die Hand, führt ihn in die Gesellschaft ein und macht ihn bekannt dem Laster. Dorian wird sein gelehriger Schüler. Er lernt zu genießen ohne Rücksicht und Reue. Denn wundersamerweise bleibt Dorians Äußeres unbefleckt, selbst, als er seine naive Geliebte Sibyl fallen lässt und sie damit in den Tod treibt. Es ist das Porträt, das die Spuren seiner Ausschweifungen trägt. Doch ewig hält der Zauber nicht. Lord Henry und die Gesellschaft, die den Schönling zunächst hofiert hat, wenden sich von Dorian ab. Als Basil ihn konfroniert, schreckt Dorian nicht einmal vor dem Mord an seinem Freund zurück. Am Ende holen ihn die Schatten seiner Verfehlungen und die Konsequenzen seiner Schuld ein.

Oscar Wilde hat mit seinem Roman ein Sittengemälde seiner Zeit und eine zeitlose Parabel über Schuld und Sühne geschaffen. Der Autor selbst war Lord Henry und Basil zugleich. Er war der Dandy, der Ästhetizist und Hedonist, der die Schönheit absolut setzte, der den Genuss und die Ausschweifung lebte und damit seine Zeitgenossen bewusst provozierte. Und er war der Mann, der den jungen Lord Alfred Douglas bewunderte und liebte. Für beides ließen ihn die prüden Viktorianer, die Wildes geistreiche Komödien in den Theatern beklatschten, büßen. Oscar Wilde wurde für seine "unanständige" Beziehung zu Lord Douglas zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Er verließ das Gefängnis als kranker, gebrochener Mann und starb wenig später mit nur 46 Jahren verarmt im Pariser Exil.

Ballettliebhabern, die sich an der Bewegungssprache des klassischen Tanzes erfreuen, wird Lode Devos Choreografie gefallen. Der Belgier, der bei Maurice Béjart gelernt und lange als Tänzer mit der Choreografen-Größe gearbeitet hat, verbindet klassisches Ballett mit modernen Elementen - eine Mischung, die sich auch in Anne-Frédérique Hoingne Kostümkreationen für den "Dorian Gray" wiederfindet.

Devos' Roman-Adaption ist bildhaft. Sie gibt den Charakteren plastische Züge, zeichnet die Doppelmoral der Gesellschaft anschaulich nach. Manchmal erzählt Devos die Handlung zu plakativ. Die Musik trägt stellenweise zu dick auf, etwa als sich Dorian und die junge Schauspielerin Sibyl begegnen und verlieben. Insgesamt ist Lode Devos "Dorian Gray" gekonnt gemachtes, abwechslungsreiches Ballett. Wer sich allerdings innovatives, überraschendes Tanztheater erhofft, würde die Kammerbühne vielleicht ein wenig enttäuscht verlassen - wäre da nicht das Ensemble.

Devos gibt den Tänzern die Chance, die ganze Bandbreite ihres Könnens zu zeigen. Es ist in erster Linie die Leistung des Ensembles, die das Ballett sehenswert macht. Jason Sabrou ist immer glaubwürdig: als unschuldiger Jüngling, als rücksichtsloser Lebemann genauso wie als brutaler Mörder seines Freundes Basil. Greta Dato (Sibyl) und und vor allem Niko König (Basil) beweisen wie schon in "Schwanenseele", dass sie nicht nur großartige Tänzer, sondern auch beeindruckende Schauspieler sind. Aber auch Denise Ruddock (Hetty) und Stefan Kulhawec (Lord Henry) verdienen Anerkennung. Der Cottbuser Ballettchef Dirk Neumann hat ein kleine, aber feine Truppe zusammengeholt, die gemeinsam Tanztheater auf die Bühne bringt, das auch größeren Häusern alle Ehre machen würde. Das Cottbuser Premierenpublikum jedenfalls hat Lode Devos' "Dorian Gray" am Freitagabend mit lang anhaltendem Beifall und die Tänzer mit Bravo-Rufen belohnt.

Die nächsten Vorstellungen:

Samstag, 30. Januar, 19.30 Uhr, Samstag, 13. Februar (ausgebucht), Samstag, 27. Februar, 19.30 Uhr. Alle Vorstellungstermine und Reservierung unter www.staatstheater-cottbus.de .