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| 01:02 Uhr

Aufbruch und Verfall

Aufbruch und Verfall, so lassen sich die sechs Kurzfilme auf einen Nenner bringen, die gestern in der Reihe „Specials“ des FilmFestivals gezeigt worden sind. F. Krömer

Die 87-minütige Schau war die zehnte Auflage von „Europe in Shorts X“ , einem von europäischen Initiativen geförderten Programm, das sich jeweils einem Thema annimmt: diesmal den ost- und mitteleuropäischen Beitrittsländern der Europäischen Union. Alle Filme sind zwischen 1990 und 2004 entstanden, turbulenten Jahren also im ehemaligen Ostblock.
„Kohlkopf“ (Kapsapea), eine skurrile Puppen-Animation von Riho Unt (Estland 1994, 29 Minuten), lotet die Chancen und Gefahren der hereinbrechenden Globalisierung für ein estnisches Bauerndorf aus. Ein Riesenkohlkopf ist dort aus der Erde gepoppt, verspricht schnelle Rubel, weckt aber auch Begehrlichkeiten bei amerikanischen Gangstern, KGB-Offizieren und Chinesen. Im Zuge der multinationalen Balgerei explodiert das Gewächs, aber der Fund hat doch sein Gutes: Ein US-Reporter und ein estnisches Bauernmädchen verlieben sich.
In Im Zug (Vonation, Ungarn 2003, 11 Minuten) inszeniert Barnabas Toth ebenfalls eine Begegnung über Grenzen hinweg. Er lässt einen Finnen und einen Ungarn im Nachtzug aufeinander treffen. Trotz gemeinsamen finno-ugristischen Sprachstammes haben die beiden arge Verständigungsprobleme, versuchen diese radebrechend und mit Hilfe von Händen und Füßen zu überwinden. Erst beim Abschied stellt sich heraus, das beide Französisch können - zu spät.
Ten Minutes before the Flight of Icarus (Desimt Minuciu pries Ikaro Skrydi, Litauen 1990, 10 Minuten) von Arunas Matelis ist eine elegische Studie von Uzupis, einem windschiefen und heruntergekommenen Altstadtviertel in Vilnius. Der Film kommt ohne Dialoge aus. Trotz des allgegenwärtigen Verfalls scheinen die Einwohner einen Aufschwung zu erwarten.
In Korridor (Korytarz, Polen 2004, 30 Minuten) von Anna Jadowska belauern sich männliche und weibliche Flurnachbarn in einer von Begehren gesättigten Augustnacht regelrecht, bis es zu einer Vergewaltigung kommt. Metapher für das zusammenrückende Europa?
Die Vergangenheit in den Blick nimmt dagegen Martin Repka in der deutsch-slowakischen Produktion Schwimmen (1997, 4 Minuten). Schauplatz ist ein verlottertes Schwimmbad ohne Wasser, das alte Leute im Badedress durchstreifen - als Geister einer verlorenen Zeit. Zwei alte Herren wollen ebenfalls ins Bad, aber da sie ihre Badehosen vergessen haben, treten sie doch nicht in diese morbide Welt ein.
Die Beiträge betrachten also mit unterschiedlicher Herangehensweise ein Osteuropa im Umbruch. Zukunft: Ungewiss.
Eindeutig ist dagegen Balkan Roulette (Balkanska Ruleta, Slovenien 1993, 3 Minuten), Zdravko Bariflics knackiger Kommentar zum Balkankrieg: Bei diesem Roulette ist jede Kammer im Revolver geladen, der Schuss tödlich.