Carmen Schliebe, Kuratorin für Fotografie im dkw, ist die Freude anzumerken über diese Ausstellung. Sie hat in Moskau studiert, noch selbst Nachfahren der Vertreter dieser alles Traditionelle über den Haufen werfenden Kunstströmungen kennengelernt - russische Avantgarde ist ihr Thema. Zudem bietet die Leihgabe der in Liechtenstein beheimateten Sepherot Foundation, der größten Sammlung russischer Avantgarde im Ausland, Gelegenheit, den eigenen wertvollen Bestand an Fotografien Alexander Rodtschenkos in einem Kontext zu zeigen, der dessen künstlerische Leistung noch besser zu bewerten hilft.

"Wir müssen den Schleier von unseren Augen reißen", dieses Zitat des Malers und späteren Fotografen Alexander Rodtschenko, eines der wichtigsten Repräsentanten der russischen Avantgarde, gab der Ausstellung den Titel. Neue Formen und Strukturen zu finden, das Sehen wie die Gesellschaft zu revolutionieren - nichts Geringeres hatten sich viele russische Künstler - zum Teil auch beeinflusst durch westliche Kunstströmungen - zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die Fahnen geschrieben. Es war eine spannende Zeit des Suchens und Experimentierens - mit radikalen Ergebnissen. Zudem fand ein junges Medium, die Fotografie, Eingang in die Kunst.

96 Zeichnungen, Arbeiten auf Papier und Fotografien geben in mehreren Räumen des dkw einen Eindruck von jener künstlerischen Aufbruchstimmung, die mit Kasimir Malewitschs "Schwarzem Quadrat" auf weißem Grund, 1915 erstmals öffentlich gezeigt, exemplarischen Ausdruck fand.

"Wir wollen mit unserer Ausstellung zeigen, wie sich Prinzipien der Malerei und Fotografie in jener Zeit gegenseitig beeinflussten, wie sie voneinander profitierten", sagt Carmen Schliebe. Um dem Besucher den Zugang zu erleichtern, sind die Exponate in sechs Sektionen geordnet.

Dem von Malewitsch begründeten Suprematismus, Befreiung der Kunst vom Gegenständlichen und Reduktion auf geometrische Formen als höchste Form menschlicher Erkenntnisfähigkeit, ist die erste Abteilung vorbehalten. "Malewitsch entwickelte hier eine eigene Formensprache: Durch die Drehung des Quadrats entsteht der Kreis, durch die Teilung zweier Rechtecke lässt sich ein Kreuz bilden", erklärt Carmen Schliebe. Die Variationen zum Thema sind vielfältig, manchmal auch erst auf den zweiten Blick erkennbar, etwa in den Fotografien. Und sie laufen durch alle Sektionen.

In einer Reihe mit Zeichnungen von Malewitsch, auf denen er mit Rechteck und schwarzem Kreis experimentiert, hängen eine Arbeit von Nadeshda Udalzowa mit ineinander geschichteten rot-gelben Kreisen, ein Porzellanteller-Entwurf von Ilja Tschaschnik, dessen Dekor aus umlaufenden schmalen farbigen Rechtecken besteht und eine Fotografie aus Rodtschenkos Zirkusserie, ein Rhönrad. Immer wieder der Kreis. Ähnliche Gegenüberstellungen finden sich zum Kreuz. Interessant ist, wie Rodtschenko diese Formensprache in die Fotografie überträgt. Dazu fotografiert er aus der Vogel- und der Froschperspektive, kippt die Kamera. Geometrische Formen findet er in der Architektur, der eine eigene Abteilung gewidmet ist, aber auch im Automobilwerk, in Zahnrädern, aufeinandergestapelten Kotflügeln.

Ein angeschnittener Teller, darauf Brot, Messer und Streichhölzer, das wertvollste Ausstellungsstück, stammt von Wassili Jermilow. Collagen und Fotomontagen sind in der zweiten Sektion zu sehen. Beeindruckend eine Arbeit von Rodtschenko aus dem Jahr 1922 zu Wladimir Majakowskis Poem "Pro eto" ("Das bewusste Thema"). Er verwendet hier Fotos des Dichters, von dessen Freundin Lilja Brik und aus Zeitschriften, um Majakowskis tragikomische Verse - ein bisschen sarkastisch - zu illustrieren. "Montagen sind Rodtschenkos erste Auseinandersetzung mit der Fotografie", kommentiert Carmen Schliebe, "1924 beginnt er selbst zu fotografieren."

Konstruktionen, die Auseinandersetzung mit dem Räumlichen, die sich an Wladimir Tatlins nie gebautem Denkmal der Dritten Internationale entzündet, die Faszination von Glas und Eisen, Technisches rückt ins Blickfeld der Konstruktivisten. Exemplarisch Jakow Tschernichows "Komposition" oder Michail Prechners "Großbaustelle", wo Kreise und Rechtecke aus Rohren und Trägern ins Bild gerückt sind und der Fotograf selbst in einem Rohr steckt. Die formalen Aspekte sind immer vorhanden.

In der Vorstellung der Suprematisten gab es keine Beschränkungen wie oben und unten, alles sollte frei sein, quasi im Raum schweben. Da wird den Sportlern von Rodtschenko der Boden unter den Füßen entzogen oder seine berühmte "Treppe" kommt scheinbar aus dem Nichts. Licht und Schatten, die Diagonalen der Stufen von der Frau mit Kind auf dem Arm und deren Schatten geschnitten. Alles ist bedacht.

Viele der fotografischen Gestaltungsprinzipien schwappen in die Malerei zurück. Wie stellt man ihn dar, den idealen Menschen? Nikolai Sujetin und Konstantin Roshdestwenski haben Bäuerinnen gemalt. Elemente des Kubismus klingen an. Und Ljubow Popowas "Weibliches Aktmodell" gleicht der Skizze für eine Gliederpuppe.

Wie wir heute wissen, hat es weder mit dem neuen Menschen noch mit der besseren Gesellschaft so richtig geklappt. "Viele der russischen Avantgardisten sind unter Stalins Herrschaft in Ungnade gefallen. Ein so begnadeter Künstler wie Rodtschenko wurde heftig kritisiert und zeitweise ignoriert", erklärt Carmen Schliebe.

1930 wurden ihm alle Ämter entzogen, Aufträge gab es kaum noch und 1941 wurde er zudem ins Permer Gebiet verbannt.

Diese Ausstellung ist etwas Besonderes. Nicht nur, weil russische Avantgarde überhaupt eher selten zu sehen ist und sich diese beiden Ausstellungsteile so wunderbar ergänzen - nicht viele Museen haben so viele Rodtschenkos wie das dkw. Das Besondere ist der Kontext, in den sich die einzelnen Arbeiten wechselseitig stellen, wie sie zwar auf ein gemeinsames Konzept reduzierte, aber dennoch individuelle Ausdrucksformen zeigen. Kunst, die den Aufbruch in die Moderne wagte, den Schleier von den Augen gerissen und Bleibendes geschaffen hat, auf das sich spätere Künstlergenerationen beriefen.

Ausstellung im dkw Cottbus bis 20. September 2015.

PS: Diese Ausstellung steckt voller Geschichten, eine Führung ist deshalb zu empfehlen.