Von Gunnar Leue

Teil eins der Anna Loos ohne Silly-Geschichte ist vorbei, nun geht es auf Teil zwei zu, der passenderweise Silly ohne Anna Loos heißen könnte und im Herbst über die Bühne(n) gehen wird. Anna Loos hat im März ihr erstes Soloalbum („Werkzeugkasten“) veröffentlicht und ist damit auf Tour gegangen, die häufiger in den westlichen Bundesländern Station machte als in den östlichen, während Silly auf ihrer 40-Jahre-Jubiläumstour vor allem dort auftreten. Eine Station ist jedoch Mainz, wo Silly – getreu ihrem Tourkonzept: an jedem Ort Aufführung eines Albums der Bandgeschichte – die Platte „Alles Rot“ spielen werden, mit der Anna Loos’ Karriere als Silly-Sängerin Fahrt aufnahm. Doch nicht mal das Konzert wird sie spielen, selbst das wird mit den Gastsängerinnen Julia Neigel und AnnaR. (Ex-Rosenstolz) bestritten werden. Ein weiteres Fragezeichen, ob Anna Loos überhaupt noch Silly-Mitglied ist?

Offiziell ist keine Rede von einem endgültigen Beziehungsende. Die Silly-Musiker Uwe Hassbecker und Ritchie Barton sprachen zuletzt nur von einer Beziehungspause, zu der es im Zuge eines Prozesses gekommen sei. Wie lange die Pause dauern würde, könne man nicht sagen. Dass es zu so einem Prozess der scheinbaren Entfremdung überhaupt gekommen ist, hat viele Fans überrascht. Dabei ist so etwas in einer Bandbeziehung keineswegs ungewöhnlich, im Gegenteil. Bands sind meistens Zusammenschlüsse auf Zeit, selbst bei den Rolling Stones gab es Phasen, in denen Mick Jagger mit Soloprojekten die Existenz der Band aufs Spiel setzte.

Dass Anna Loos eine Person mit eigenem Kopf ist und sie den gern durchsetzt, hatten schon ihre Eltern früh zu spüren bekommen, wie sie im Interview erzählt. „Das Leben ist Veränderung“, sagt sie, wenn sie über ihre Flucht 1988 aus der DDR spricht. Weil man ihr das Abi in ihrer Heimatstadt Brandenburg verwehrte, war sie einfach abgehauen.

Als sie 2006 anstelle von Tamara Danz die Rolle der Silly-Frontfrau einnahm, befand sie sich quasi von Anfang an in einer Art posthumer Konkurrenz zur Vorgängerin. Wie sie das empfand? „Schwierig – und manchmal auch ungerecht. Tatsächlich hatte ich mich vor meinem Eintritt in die Band in keiner Sekunde selbst gefragt: Wird es dich nicht unglaublich nerven, wenn du immer mit Tamara verglichen wirst? Ich habe einfach gedacht, diese geile Band muss weitermachen.“ Das tat sie dann auch sehr erfolgreich mit Anna Loos, die freilich bald auch eigene Texte einbrachte, was zulasten des Texters Werner Karma ging. Das letzte Silly-Album „Kopf an Kopf“ (2016) bestand komplett aus ihren Texten. Nach dieser Platte muss es offenbar Unstimmigkeiten über die weiteren Bandprojekte, zum Beispiel ein neues Studioalbum, gegeben haben. Parallel hatte Anna Loos Songtexte, die ihr eigenes Leben reflektieren, zu Papier gebracht. An eine Veröffentlichung als Soloalbum habe sie zwar nicht gedacht, aber der Wunsch, selbstbestimmt Ideen umzusetzen, hätte sich durchaus entwickelt.

Letztlich ergab sich daraus doch das Solodebüt „Werkzeugkasten“. Wie sich die Verbindung von Silly und Anna Loos weiter gestaltet, wird man sehen. Eines sei jedenfalls klar, sagt die Sängerin: „Egal was man macht, ob man an der Silly-Tradition festklebt, ob man einen eigenen Stil einbringt oder nach Neuerung sucht: Die Band wird immer ihre Geschichte mitnehmen – und das ist gut so.“

Silly spielt am 28. November in Berlin, am 30. November in Leipzig und am 8. Dezember in Dresden.