Sicher, er sei weicher, entspannter, toleranter geworden, sagte er kürzlich in einem Interview. Daher auch die unerwartete Pose auf dem Cover seines neuen Albums. Das setzt positivere Zeichen als auf den beiden Alben zuvor mit Maschinenpistole und Geige im Anschlag. Mit den wechselnden Cover-Accessoires gibt er den Fans einen ersten Hinweis auf seine Gestimmtheit, die über die Jahre größten Schwankungen unterworfen ist, erst aggressiv, dann elitär, nun aufgeheitert? Und doch immer provokant: Auf einen umgänglichen Mann mittleren Alters, der sich seiner Tage freut und mit Nachwuchs kokettiert, war wirklich niemand vorbereitet. Aber gemach, gemach, bevor sich einige ernste Sorgen machen um Morrisseys Klagekunst in Anbetracht totaler Daseinsbejahung, reicht eine erste Anhörung des Verdächtigten. Zwölf Songs enthält "Years Of Refusal" (dt.: "Jahre der Ablehnung/Zurückweisung"), und schon nach wenigen Aussagen ist klar, dass da noch der glamouröseste der glamourösen Zeterer am Werk ist, der sein Außenseitertum stets mit Furor und Würde zelebrierte. "Es gibt keine Hoffnung im modernen Leben", singt er im Eröffnungsstück, und Liebe und wahre Freunde gibt es auch nicht. Soweit die Tatsachen. Nichts Neues für ihn. Er singt darüber seine von Enttäuschung und Erniedrigung, Einsamkeit und Enthaltsamkeit bedrückten Elegien, erst fünf Jahre zu Johnny Marrs Zaubergitarre bei der Band The Smiths, 20 Jahre nun schon solo mit wechselnden Leiharbeitern. Feinfühliger Zyniker Seit Anbeginn präsentiert sich Steven Patrick Morrissey, 1959 in Manchester geboren, als der energischste Jammerlappen, der intelligenteste Großkotz, der feinfühligste Zyniker, der introvertierteste Selbstdarsteller im Popzirkus. Er wird geliebt. Oder gehasst. Auch auf "Years Of Refusal" umkreiselt Morrissey seine alten Leib-und-Magen-Themen von allen Seiten. Ja, die Lage ist hoffnungslos, denn es ist Zeitverschwendung, nach Liebe Ausschau zu halten, niemand braucht meine Liebe, singt er, und all die freundlichen Worte und gut gemeinten Entschuldigungen, die sowieso selten ernst gemeint sind, ändern nichts daran. Doch es bleibt nicht beim Suhlen im Selbstmitleid. Mit zunehmendem Alter erlangt Morrissey die Fähigkeit, auf Abstand zu sich zu gehen. "Ja, es gibt schlimmere Dinge im Leben, als niemals der Liebling von jemandem zu sein", tröstet er sich in "That's How People Grow Up". Am Schluss setzt er unter dem Titel "I'm OK By Myself" noch einen drauf. "Ach, ich brauche dich nicht und habe dich niemals gebraucht", heißt es dort, und Morrissey schreit, während die Instrumente krawallen, selbstbewusst noch: "Nooo! Nooo! Nooo!" hinterher. Der 49-Jährige arrangiert sich immer besser mit der Hoffnungslosigkeit. Alterssanfte Schlagereuphorie ist vorerst jedoch nicht die Folge, dafür sorgen schon seine vier Musiker, stattliche Jungs mit viel überschüssiger Kraft zur Bearbeitung der Instrumente. Produzent Jerry Finn (bereits verantwortlich für "You Are The Quarry" von 2004) favorisiert den schnellen, schnörkellosen Rock, ruppige Gitarren und wildes Schlagzeugspiel, für Abwechslung sorgen Keyboard, Streicher, Bläser. Ein Auto startet einen der wenigen luftigen Popsongs "I'm Throwing My Arms Around Paris" (die Stadt, nicht die Person), Vögel lärmen, rau braust der Wind in "When I Last Spoke To Carol". Das sind Signale aus einem Alltag, von dem wir nicht wissen, wie Morrissey ihn eigentlich verbringt, wenig ist bekannt aus seinem Privatleben. All den ungeliebten, einsamen, verwundeten Brüdern und Schwestern mag es recht sein, so können sie diesem als ungeliebt, einsam und verwundet imaginierten Morrissey uneingeschränkt ihr Leben anvertrauen, ihn auf Postern anhimmeln und auf Konzerten herzen. Solange ihre Vorstellung nicht enttäuscht wird, ist alles gut. Morrissey Morrissey live: 11. Juni, Köln / Palladium 12. Juni, Berlin / Columbiahalle14.Juni, Bremen / Pier 2