Die enge Räumlichkeit bietet zwar nicht gerade perfekte Licht- und Sichtverhältnisse, um die Exponate zu studieren, doch immerhin vermitteln verwinkelte Stellwände aus Schilfrohr das angenehme Gefühl, sich tatsächlich im Labyrinth der Spreekanäle zu befinden. Mit ein wenig Fantasie meint man, auf einem Kahn an den Bildern vorüberzugleiten. Die Vernissage wirkt allerdings auch so besuchervoll wie das Dörfchen Lehde an einem schönen Wochenende.
140 Werke von 70 Künstlern sind zu sehen. Es handelt sich um Ölbilder, Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen und Holzschnitte, entstanden ab Anfang des 19. Jahrhunderts bis in die jüngste Zeit. Sie stammen aus der hauseigenen Sammlung, den Kunstmuseen Krefeld, dem Stadt- und Regionalmuseum Lübben, dem Spreewaldmuseum Lübbenau, dem Sorbischen Museum Bautzen, von der Branitzer Stiftung Fürst-Pückler-Museum, der Stiftung Stadtmuseum Berlin sowie privaten Leihgebern.
Was die Sujets betrifft, darf und will man sicherlich keine Überraschungen erwarten: Es sind Landschaftseindrücke und Alltagsszenen aus dem dörflichen Leben. Die meisten Werke sind vor der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden, der Spreewald zeigt sich auf ihnen gänzlich urwüchsig. Die Moderne mit ihrer zerstörerischen Technik und der Auflösung altväterlicher Sitten scheint in diesen verwunschenen Landstrich noch nicht eingedrungen zu sein. Der Mensch lebt in Harmonie mit der Natur: Das ist es, was die Künstler zur Auseinandersetzung inspiriert, auch wenn die unberührte Unschuld schon vor zweihundert Jahren ein Trug- und Wunschbild ist.
Christian Gottlob Hammer (1779-1864) bändigt die Pflanzenwelt auf sehr feinen Sepiazeichnungen und Aquarellen durch Schönheit. Der romantische Maler und Kupferstecher aus Dresden macht, gerufen von den Grafen zu Lynar, den künstlerischen Anfang in der Fließregion.
Wie der Cottbuser Historiker Siegfried Kohlschmidt erläutert, etabliert sich eine Verbindung zwischen der Dresdner Kunstakademie und dem Spreewald, einige Akademieangehörige stammen von hier. Mit dem Bau der Eisenbahnlinie Berlin-Cottbus-Görlitz 1866/67 beginnt die rasant zunehmende touristische Erschließung, zugleich pilgern Künstler aus entfernteren deutschen Gegenden und dem Ausland herbei. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so Kohlschmidt, bildet sich dann auch eine eigene kreative Szene vor Ort.
Adolf Burger (1833-1876) aus Berlin, als Landschaftsmaler bekannt, interessiert sich auf den in Cottbus gezeigten Werken mehr für Menschen und ihre Tätigkeiten: Er studiert Kinder in Tracht oder Frauen beim Flachsbrechen.
Otto Pilz aus München hat auf „Vor dem Tanz“ (1896), einer Dauerleihgabe aus Krefeld, die Jugend im Wirtshaus dargestellt: Die versammelten Bauernmädchen schauen halb schamhaft, halb vorfreudig, während draufgängerische Burschen in polierten Schuhen zur Tür hereindrängen, ein Kavalier wischt sich mit einem Tuch seine angriffsbereiten Schweißfinger trocken.
Die melancholische Seite des Spreewaldes präsentiert der Sorbe Paul During (1901-1944) aus Burg. Sein einsamer „Schlittschuhläufer am Abend“ von 1936 ist in düster-romantisches Licht getaucht.
Raffinierter als diese farbigen Ölbilder wirkt allerdings die ausgestellte Druckgrafik. Sie reduziert die Fließlandschaft auf die zarten Verästelungen der Bäume mit ihren Spiegelungen auf der Wasserfläche.
Als größte Entdeckung erweisen sich die delikaten kleinen Radierungen von Walter Kühne (1875-1956) aus Jamlitz. Besonders ansprechend sind außerdem die Holzschnitte des Berliner Illustrators Richard Flockenhaus (1876-1943) sowie zwei 1990 und 1994 entstandene Radierungen des sorbischen Grafikers Fred Pötschke (Jahrgang 1962) aus Burg.
Damit sind wir bei den jüngeren Kunstwerken angelangt. Eine lustige Überraschung bereitet Werner Tübke (1929-2004). Ja, der große Leipziger war ebenfalls ein Spreewaldkünstler - und zwar einer der ironischen Art. In seine Federzeichnung „Spreewaldkahn“ von 1964 hat der Meister allerlei Farbwerte eingetragen - als plante er anhand der Skizze ein größeres Gemälde. Am Horizont oben links steht „hier viele Zugvögel“ und oben rechts ist vorgemerkt: „hier ein Hubschrauber“ .
Während ringsum die Kohlebagger wüten, lässt sich das zeitentrückte Spreewald-Ideal also auch in der Kunst nicht mehr aufrechterhalten. Gänzlich absurd ist es heutigentags: Der Brahmower Dieter Zimmermann lässt Touristen durch comicartige grüne Labyrinthe irren: Der Ausverkauf der Postkartenidylle durch die Freizeitindustrie.
Das Wendische Museum in der Mühlenstraße 12 in Cottbus hat dienstags bis freitags von 8.30 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Die Ausstellung läuft bis zum 25. November.