ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:02 Uhr

Vor der Premiere
Zwischen Verführung und Erschrecken

Sigrun Fischer (Mitte) als Arturo Ui auf dem Weg zur Macht.
Sigrun Fischer (Mitte) als Arturo Ui auf dem Weg zur Macht. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Regisseur Malte Kreutzfeldt bringt am Samstag Brechts „Arturo Ui“ ins Staatstheater Cottbus. Sigrun Fischer spielt die Titelrolle. Von Ida Kretzschmar

Hunderte Kohlköpfe rollen auf die Bühne. Sie verheißen nichts Gutes. Aufgeschnitten ähneln sie Gehirnen. Überflüssig wirken sie geradezu. Denn um das Gemüsegeschäft irgendwo in Amerika der 30er-Jahre steht es schlecht. Was sich Arturo Ui, aus dem Dunkel aufgetaucht, machthungrig und demagogisch zunutze macht.

„Kohlköpfe als sinnstiftendes Bild. Dahinter können sich auch abgeschlagene Soldatenköpfe verbergen, die Gier nach Kohle und Verkohlen in dieser kohlrabenschwarzen Farce“, spielt der Regisseur mit den Assoziationen, die sein Bühnenbild zwischen Licht und Schatten auszulösen vermag.

Ein hochaktuelles Stück hat am Sonnabend im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus Premiere. „Je näher der Premierentermin heranrückt, umso brisanter wird das Thema, gerade in diesem hochexplosiven Klima derzeit in der Stadt“, bemerkt Regisseur Malte Kreutzfeldt, der erstmals am Cottbuser Staatstheater inszeniert. Er bringt Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ auf die Bühne. Ein Spektakel, mit dem der Dramatiker 1941 im Exil den Aufstieg Hitlers satirisch bearbeitete und im Gangstermilieu Amerikas ansiedelte. „Erschreckend, wie gegenwärtig es ist. Es geht um Machtmissbrauch, Verführbarkeit und Populismus, um das Wiedererstarken des Nationalismus. Ein Stoff, der aktuelle Auseinandersetzungen spiegelt, Haltung erfordert. Da kann auch Theater einen Beitrag leisten“, sagt der 48-Jährige.

Schon als Regiestudent an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin war er mit Bertolt Brecht in Berührung gekommen, studierte er doch bei Prof. Manfred Karge, den noch Helene Weigel ans Berliner Ensemble geholt hatte. In seiner Studienzeit hatte Kreutzfeldt durchaus noch eine widersprüchliche Beziehung zu Bert Brecht. „Ich sah in ihm vor allem den Verfechter des epischen Theaters, der von den Zuschauern Denken forderte, bloß nichts fühlen. Aber als Autor hat er sehr viele emotional berührende Szenen geschrieben, die vergleichbar sind mit seiner traumhaften Lyrik“, beschreibt der Regisseur, wie er sich Brecht auf neue Weise annäherte.

Unter seinen zahlreichen Inszenierungen war bislang nur ein Brecht-Stück, 2009 „Mutter Courage“ am Staatstheater Oldenburg. Mit dem „Arturo Ui“ in Cottbus nun hat er Lust bekommen, bald ein drittes hinzuzufügen. „Bei allem Grotesken, der Bedienung nichtrealistischer Mittel stecken in ,Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui’ eine große Authentizität und magische Kraft,“ glaubt Kreutzfeldt, der 2016 mit seiner Uraufführung von Henriette Dushes „In einem dichten Birkenwald. Nebel“ bei den Autoren­theatertagen am Deutschen Theater Berlin nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht hatte und nun eine neue künstlerische Handschrift in Cottbus vorstellt.

„Ich wusste schnell, dass ich den Stoff nur mit Sigrun Fischer in der Hauptrolle auf die Bühne bringen will“, erzählt er. „Zum einen ist Sigrun Fischer eine Ausnahmeschauspielerin, spielerisch und handwerklich großartig, mit einer Präsenz und Kraft, die auch mit ihrer Haltung zu tun hat“, unterstreicht der Regisseur. Zum anderen gelinge es mit dieser Besetzung zu zeigen, dass Machtmissbrauch keine Männerdomäne ist: „Es geht nicht nur um Diktatoren und Autokraten wie Hitler, Trump oder Erdogan. Es geht um menschliches Verhalten, um skrupellose Populisten und Mitläufer“, sagt er.

Angelika Domröse hat bei Tabori Stalin gespielt, Angela Winkler bei Zadek den Hamlet. „Atemberaubend muss es sein, einen Zugewinn bringen“, sagt Kreutzfeldt, damit eine solche Herangehensweise nicht in Beliebigkeit umschlägt.

„Arturo Ui ist zu Beginn ein verwahrlostes Wesen, das nur Verantwortung für sich selbst übernimmt. Eine Person zwischen Frau und Mann, im Grunde entsexualisiert, auch wenn das Frau-Sein in bestimmten Augenblicken durchblitzt“, denkt Sigrun Fischer, die viel lieber ihre Theaterfiguren spielt als darüber zu reden, über ihre Rolle nach. Ui wolle irritieren, nicht greifbar sein für sein Gegenüber. Gleichzeitig habe er die Fähigkeit, Macht auszuüben, kennt keine Grenzen, steigert sich hinein in einen unberechenbaren Wahnsinn. „Er wird geschliffener und manipulativer und will Vater und Mutter der ganzen Welt sein“, fügt sie hinzu. „Toll wäre, wenn die Zuschauer mit Arturo Ui zuerst ein Stück mitgehen, Momente der Verführung erleben und dann im nächsten Augenblick vor sich selbst erschrecken: ,Oh Gott, was habe ich mit dieser Person mitgedacht’“, hofft die Schauspielerin.

Ihr Regisseur ist überzeugt, dass die Zuschauer einen genussreichen Abend haben werden: „Das Stück hat viele komödiantische und auch bitterböse Momente. Sie können einfach genießen und dem Ensemble beim Spielen zusehen. Auf dem Nachhauseweg kann man dann anfangen zu denken. Wir wollen keine Ängste schüren, sondern Zeichen setzen, ermutigen. Die Geschichte zeigt: Selbst die schlimmsten Diktatoren haben auf Dauer keine Überlebenschance.“

Für die Premiere am Samstag, 19.30 Uhr, und die weiteren Vorstellungen sind Karten erhältlich im Besucherservice, Ticket-Telefon: 0355/78242424, auch online über www.staatstheater-cottbus.de sowie bei der RUNDSCHAU.

Malte Kreutzfeldt inszeniert erstmals in Cottbus.
Malte Kreutzfeldt inszeniert erstmals in Cottbus. FOTO: Barbara Aumüller.