| 17:04 Uhr

Cottbus
Es war der Abend der Sigrun Fischer

Unaufhaltsam:  Sigrun Fischer als Arturo Ui (vorn).
Unaufhaltsam: Sigrun Fischer als Arturo Ui (vorn). FOTO: Marlies Kross/ Theaterfotografin / Marlies Kross
Cottbus. Eine gemeisterte Herausforderung und viel Beifall für Brechts Arturo Ui im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus. Von Renate Marschall

Der berühmte Satz im Epilog zu Bertolt Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ kommt in der Cottbuser Inszenierung von Malte Kreutzfeldt nicht vor. Stattdessen rennt Ui am Schluss unaufhaltsam um die Welt. Er wird gebraucht, dort, wo die Geschäfte schlecht gehen, und sie gehen ja schließlich nie gut genug.

Zielstrebig, machtbewusst, schlau, einschüchternd, skrupellos, gewalttätig und schließlich auch mit einer großen Anhängerschaft hinter sich, die sowohl Angst vor Ui als auch vor einem Leben ohne seine vermeintlich schützende Hand hat, schießt er dem Kapital den Weg frei. „... 300 Prozent und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens“ hatte Karl Marx vor fast 125 Jahren geschrieben. Das mit dem Galgen stimmt so nicht mehr. Das mit dem Verbrechen schon, wie die Panama Papers gerade offenbarten.

Brecht lässt seine Auseinandersetzung mit Hitlers Machtergreifung oder vielmehr den Verhältnissen die dazu führten, im Gangstermilieu à la Al Capone spielen, macht daraus eine Farce, um, wie er selbst sagt, „den Bann durch Gelächter zu brechen“.

Bei Malte Kreutzfeldt wird ein temporeicher Thriller daraus mit viel Ballerei und ebenso vielen Leichen. Doch Ui weiß, das allein bringt ihn nicht weiter. Er braucht mächtige Leute hinter sich auf dem Weg nach ganz oben. Da trifft es sich gut, dass der Blumenkohl (Karfiol) in einer Absatzkrise steckt und dem Karfiolkartell das Aus droht. Es sei denn, man käme an Geld aus der Stadtkasse.

Mit einer List wird der ehrenwerte Dogsborough von den Herren des Kartells gekauft. Als er das Erpresserische des Handels versteht, ist es zu spät. Von Rolf-Jürgen Gebert überzeugend als überrumpelter, mit sich selbst hadernder Ehrenmann gespielt.

Ui bekommt von dem Handel Wind und sieht seine Zeit gekommen. Er nimmt Schauspielunterricht, lernt stehen, sitzen, blicken. Großartig, wie Malte Kreutzfeldt Ui von einer ganzen Schar Schauspiellehrer unterweisen lässt – geradezu slapstickhaft. Jetzt noch die richtige Kleidung und aus dem kleinen Gangster ist ein großer im feinen Zwirn geworden.

Nur die alte Devise „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“ gilt immer noch. Den Gemüsehändlern, die Schutzgeldzahlungen verweigern, lässt er den Speicher abbrennen, und er macht auch vor den eigenen Leuten nicht halt. Ein Diktator ist geboren, dem sich keiner mehr in den Weg stellt. Warum aber hat es vorher keiner getan? Gelegenheiten hätte es gegeben. Aber die Verhältnisse waren halt so – wie sie auch für einen Trump sprachen oder einen Erdogan, einen Orban, eine Beata Szydlo, wie sie eine AfD ins Parlament brachten.

Das Schauerliche ist, dass dieses 1941 von Brecht geschriebene Stück nichts an seiner Brisanz eingebüßt hat. Auch in Cottbus, wo sich Menschen mit ihren Sorgen allein gelassen fühlen und daraufhin bedenkenlos in einen Demonstrationszug mit Neonazis einreihen, denen es nicht um Sicherheit, sondern ganz im Gegenteil um die Zerstörung der Demokratie geht.

Regisseur Malte Kreutzfeldt hat Brechts Lehrstück ganz ohne erhobenen Zeigefinger, dafür aber sehr aktionsreich, mit starken Bildern und durchaus unterhaltsam in Szene gesetzt.

Vor allem aber lebt dieser Abend durch die Schauspielkunst eines großartigen Ensembles, aus dem Sigrun Fischer als Arturo Ui hervorsticht. Eine Rolle, in der sie die ganze Fülle ihrer darstellerischen Möglichkeiten zeigen kann. Ihr Ui ist nicht der eindimensionale, skrupellose Machtmensch. Sie zeigt ebenso seine zweifelnde, schwache Seite, wie er von Wahnvorstellungen gepeinigt dem Zusammenbruch nahe ist. Es gelingt ihr, die Gefährlichkeit dieses Menschen nicht nur aus seiner Stärke, sondern auch aus seiner Schwäche darzustellen.

Der Ui ist eine schwierige Figur. Nicht umsonst sagt man, dass er Schauspieler groß gemacht hat: Ekkehard Schall, der ihn mehr als 500 Mal am Berliner Ensemble spielte und danach am gleichen Ort Martin Wuttke in der legendären Inszenierung von Heiner Müller. Dass der Ui in Cottbus eine Frau ist, fällt kaum auf. Sigrun Fischer spielt ihn fast geschlechtsneutral, nur ab und zu blitzt die weibliche Seite auf. Und überhaupt, Machtgier ist ja nicht ausschließlich männlich.

Ein sehenswerter Abend, der vom Publikum bejubelt wurde.

Die nächsten Vorstellungen: am kommenden Donnerstag zum Theatertag (Jeder Platz im Großen Haus 10 Euro), am 15. Februar und 7. März, jeweils 19.30 Uhr. Karten sind erhältlich bei der RUNDSCHAU und im Besucherservice des Staatstheaters, an der Abendkasse sowie online über www.staatstheater-cottbus.de, Ticket-Telefon 0355/ 78242424.