Die Schüsse peitschen zwischen 10.58 und 11.10 Uhr durch das Schulhaus. Ein schwarz vermummter 19-Jähriger durchstreift mit tödlicher Präzision die Gänge, er schießt um sich, auch durch Türen, hinter denen sich Lehrer und Kinder verschanzt haben. 16 Menschenleben werden in diesen wenigen Minuten ausgelöscht, zwölf Lehrer, zwei Schüler, die Sekretärin und ein Polizist sterben. 71 Patronenhülsen aus der Pistole des Täters finden die Ermittler in den Gängen und Klassenzimmern des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums. "Oft wünsche ich mir, das alles wäre ein Albtraum aus meiner Kindheit", sagt eine 23 Jahre alte Studentin. Als 13-Jährige ist sie am 26. April 2002 gemeinsam mit anderen Kindern vor dem Todesschützen aus dem Gymnasium geflohen.

Sie kletterte über Zäune, bis sie weit genug weg war. Das Trauma des Schreckenstages holt sie manchmal noch ein. "Das ist dann purer Horror, auch wenn ich gelernt habe, damit umzugehen." Wie der jungen Frau geht es zehn Jahre nach dem Massaker und kurz vor dem Gedenktag für die Opfer des Gewaltexzesses noch vielen Menschen, die das Morden erlebt haben oder die als Helfer zur Schule eilten. "Dieser Tag hat sich ins Bewusstsein der Erfurter eingebrannt", sagt Oberbürgermeister Andreas Bausewein. Aber das ist es nicht allein. Die Bluttat des ehemaligen Gutenberg-Schülers Robert Steinhäuser nahm Deutschland eine Gewissheit, auf die Generationen von Schülern, Eltern und Lehrern vertrauten: dass Schulen sicher sind. Die Amokläufe von Emsdetten 2006 und von Winnenden 2009 folgten.

Die heutige Schülergeneration des Gutenberg-Gymnasiums ist von den Gedanken an den Tod unbelastet. In der Schule mit den bunten Farben im Treppenhaus geht es laut und lebendig zu. Doch spätestens am morgigen 26. April, wenn wie vor zehn Jahren alle Erfurter Glocken läuten, kehrt die Vergangenheit zurück. "Verbunden mit der Hoffnung auf eine Zukunft ohne Gewalt" steht auf der Tafel mit den Namen der 16 Opfer.