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| 01:00 Uhr

An der Wäscheleine piepst es

Auch an der Neuen Bühne Senftenberg entwickelt sich das vermeintlich hässliche Entlein, das von allen Tieren ge- und verjagt wird, zum schönen Schwan, allerdings ist es hier in Wahrheit eine olle Strickmütze. Seine Geschwisterküken sind gestreifte Söckchen und die stolzen Schwäne treten imposant als weiße Oberhemden auf. Erstaunlich ist: Das funktioniert vor einem Kinderpublikum, wahrscheinlich gerade vor ihm. Das hat die gestrige Premiere gezeigt. Von Felix Krömer

Wer hat sich nicht als kleiner Junge oder kleines Mädchen mit einfachsten Mitteln eine fremde Welt erschaffen„ Für das Gespenst brauchte es bloß ein weißes Laken, zwei Topflappen wurden zum Detektiv-Duo und Kieselsteinchen zu interstellaren Armeen.
Nach diesem Prinzip agiert auch Schauspielerin Inga Wolff, als sie Das hässliche Entlein unter der Regie von Hans Otto Zimmermann als Ein-Personen-Stück mit kräftiger Unterstützung diverser Textilien und viel Phantasie zeigt.
Es ist die Uraufführung dieser Fassung. Anja Fleischmann und Hans Otto Zimmermann hatten sich des bekannten Hans-Christian-Andersen-Märchens angenommen. Herausgekommen ist eine Stück mit einer Rahmenhandlung: Ein Mädchen hängt vor dem Kinobesuch in der Küche noch schnell die Wäsche auf. Da entdeckt sie im Schrank ein altes Buch mit dem Märchen vom hässlichen Entlein. Sie schlägt es auf, gerät lesend in den Sog der Geschichte - schon wird aus dem Mädchen an der Wäscheleine die gaakende Enten-Mama, die ihre aufgerollten Socken beziehungsweise Eier ausbrütet.

Mühelose Sprünge, frisches Spiel
Klingt wie abstrahierendes Regietheater“ Zu kompliziert für ein Publikum im Kindergartenalter„ Ist es keineswegs. Die Kleinen folgen dem Sprung von der Rahmen- in die eigentliche Märchenhandlung und zurück mühelos, ebenso zahllosen abrupten Rollenwechseln der Schauspielerin. Schließlich hat Inga Wolff einem ganzes Arsenal von Märchenfiguren Körper und Stimme zu geben. Dass immer klar bleibt, wer da gerade spricht und handelt, ist dem frischem Spiel der jungen Darstellerin zu verdanken und ihrer Imitationsgabe. So macht Inga Wolff als Entenmutter nicht etwa Gaak, Gaak , sondern Raap, Raap , was viel naturalistischer ist. Dazu reicht ein anmutig-unbeholfenes Hüftenwackeln, um den Eindruck geballter Entenhaftigkeit zu erwecken.
Mit ähnlich verschrobenen bis possierlichen Gesten und Grimassen hangelt sich die Darstellerin rasant von Rolle zu Rolle und Szene zu Szene. Ihre Mittel sind minimal, schließlich steht nur die Ausstattung einer Küche mit Wäscheleine zur Verfügung. Setzt sich Inga Wolff die Strickmütze auf den Kopf, ist sie das hässliche Entlein, klatscht sie sich im Flamenco-Rhythmus mit einem Teelöffel in die Hand, wird sie zur vornehmen Entendame spanischer Herkunft, die das fremdartige Küken aus der Gemeinschaft verstößt. Mit einem Samtbändchen am Handgelenk gibt sie den drohend maunzenden Kater, der dem Entlein an die Gurgel will.
Das ist fetzig, da sind viele effektstarke Einzelszenen, etwa wenn Inga Wolff als nicht raapende , sondern rappende Wildente die Studiobühne aufmischt. Ohnehin darf das Publikum mit- und Krach machen. Spätestens wenn die Darstellerin dann mal wieder das Märchenbuch zur Hand nimmt, ist der Faden der Handlung wieder ganz.
Nur einmal gerät das Stück wirklich aus den Fugen: Nachdem Inga Wolff als meckernder Truthahn einigen Kindern ihre Sitzkissen unterm Hintern weggerissen hatte, um sich damit aufzupolstern, artet die Szene zu einer Saal-Kissenschlacht zwischen der Darstellerin und ihren jungen Zuschauern aus. Minutenlang liegt so etwas wie Revolte in der Luft und erst nach einiger Zeit beruhigt sich der tobende Haufen unter dem Ruhe-Zischen der erwachsenen Begleiter.

Eigentlich eine düstere Mär
Lustig und unterhaltsam ist die rund einstündige Aufführung also allemal. Ob die Kinder aber den Sinn der eigentlich doch sehr düsteren Entlein-Mär über Identität, Intoleranz, Borniertheit, fragwürdige Schönheits- und Konformitätsideale begreifen“ Angerührt sind sie allemal, wenn das von seiner Familie fort gejagte Entlein im Winter im Eis einfriert und jammervoll piepsend über die Kälte klagt. Soll ich dir einen Mantel stricken , Komm, ich beschütze dich oder Du bist nicht hässlich, sondern schön , kommen immer wieder ermunternde Zurufe aus dem Zuschauerraum.
Am Ende sind alle froh, als das Entlein den garstigen Winter überstanden hat und das graue Wollmützchen sich auf einmal in ein strahlendes Oberhemd verwandelt. Glücklich fliegt es mit den anderen Oberhemden davon.

Weitere Aufführungen: Montag, 7. November (10 Uhr), Sonntag, 18. Dezember (15 Uhr), Dienstag, 20. Dezember (11.30 Uhr), Sonntag, 25. Dezember (15 Uhr). Ticket-Telefon: 03573/801 286