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| 17:57 Uhr

Interview mit Norbert Leisegang
„Das Schiff nach Feuerland wartet noch“

Der Sänger und Songschreiber des Keimzeit Akustik Quintetts verrät, was Kling Klang, Albertine und Irrenhaus miteinander verbindet. Von Ida Kretzschmar

Das Keimzeit Akustik Quintett ist am 23. Februar  im Staatstheater Cottbus zu erleben. Die RUNDSCHAU sprach mit dem 57-jährigen Sänger und Songtexter Norbert Leisegang über unsterbliche Hits und manch neuen Spross.

Norbert Leisegang, Keimzeit verbinden viele Fans mit dem unsterblichen Hit Kling Klang. Geht damit auch das Keimzeit Akustik Quintett die Straße entlang?

Leisegang Kling Klang ist ein Song, den ich schon in den Achtzigern geschrieben habe. In den Neunzigern wurde er dann so richtig populär, und er ist es bis heute. An dem Song kommt auch das Keimzeit Akustik Quintett in keinem Konzert vorbei. Aber er wird, wie unser Name schon sagt, etwas anders klingen, eben in seiner akustischen Version.

Wie kam es überhaupt zu diesem Keimzeit-Spross?

Leisegang Vor reichlich sieben Sommern wurden wir einmal gefragt, ob wir nicht einmal auf einem Polterabend spielen wollen. Wir waren gerade in Keimzeit-Ferien, und von der Stammbesatzung hatte niemand Zeit, außer mein Bruder Hartmut am Kontrabass. Und so habe ich die Violonistin Gabriele Kienast gefragt, ob sie dazu bereit wäre. Unser damaliger Gitarrist Rudi Feuerbach hatte eine akustische Gitarre mitgebracht, und so konnten wir für den Polterabend zusagen. Wir merkten, dass diese akustische Version für bestimmte Keimzeit-Songs einen gewissen Charme inne hat. So haben wir das einfach fortgeführt, hier und da mal gespielt. Das hat dann Geschwindigkeit und Schwung aufgenommen, sodass wir noch den Soft-Schlagzeuger Christian Schwechheimer angeheuert haben. Inzwischen steht Martin Weigel an der Gitarre.

Mittlerweile haben Sie sogar zwei Alben in der akustischen Version aufgenommen.

Leisegang Diese Songs aus „Midtsommer“ und „Albertine“ stellen wir auch in Cottbus vor. Darüber hinaus haben wir natürlich Klassiker und als begeisterte Cineasten Perlen der Filmmusik im Programm. Und dann gibt es auch noch ein paar Überraschungen: Wir wollen sehen, wie das Publikum auf bislang noch nicht veröffentlichte Songs reagiert. Ich freue mich auf die Cottbuser. Bislang haben wir oft im Glad-House gespielt. Das war immer sehr schön miteinander. Gerade für Theater aber ist die akustische Version sehr angemessen. Das schafft etwas Familiäres.

Ist Keimzeit nicht auch ein Familienprojekt?

Leisegang Leisegangs haben immer schon Hausmusik gepflegt. Die Eltern haben maßgeblich dazu beigetragen, dass wir Instrumente erlernt haben. Anfang der 80er-Jahre waren es vier Leisegang-Geschwister, die beschlossen, gemeinsam Musik zu machen. Wir haben dann noch einen Pianisten, Saxofonisten und einen weiteren Gitarristen dazugeholt. Es ist ein zweischneidiges Schwert, gemeinsam zu musizieren, wenn man die Kindheit und Jugend miteinander verbracht hat. Einerseits ist es leicht, andererseits weiß man alles über einander.

Einige Leisegangs gehen inzwischen eigene Wege.

Leisegang Mein jüngerer Bruder Roland arbeitet heute als Bürgermeister in Bad Belzig. Meine Schwester Marion war über drei Jahrzehnte Kita-Chefin und hat auch noch eine eigene Band. Bei Keimzeit sind nur noch mein Bruder Hartmut am Kontrabass und ich als Sänger und Gitarrist geblieben. Alle anderen Musiker gehören nicht zur Blutsverwandtschaft, aber wenn man gemeinsam Musik machen will, braucht man Innigkeit und Vertrautheit. Insofern fühlen wir uns auch wie in einer Familie.

Was verbindet den Ableger mit dem Keimzeit-Original?

Leisegang Martin Weigel sowie Hartmut und Norbert Leisegang gehören zu beiden Formationen. Und einige Keimzeit-Klassiker werden hier wie dort gespielt. Neben Kling Klang ist es zum Beispiel auch Singapur.

Was unterscheidet beide?

Leisegang Die Ausdrucksweise.  Er hat eben nicht diese Rock’n’Roll-Besetzung, die deutschlandweit Open Air und in den Rockläden unterwegs ist. Dafür ist das Akustik Quintett nicht der geeignete Klangkörper. Es hat Eigenes zu bieten. Seine Auftritte speisen sich vor allem aus den Songs aus den beiden Alben.

Die Songs in Ihrem  neuen Album „Albertine“ sind leise und nachdenklich. Man muss schon genau zuhören. Wie reagiert das Publikum?

Leisegang Solange Keimzeit existiert, gibt es neben Kling Klang  auch leisere Gangarten wie Flugzeuge ohne Räder. Zum größten Teil habe ich Songs für die mehr als 20 Alben selbst geschrieben. Ich weiß, dass das Publikum, das zu Keimzeit kommt, auch die stillen, schwermütigen Songs sehr mag. Das akustische Album „Albertine“ ist ein wenig melancholischer geworden, vor allem aber sehr authentisch. Wir Musiker können uns damit identifizieren. Das sind gerade unsere aktuellen Themen, die wir nach außen tragen. Das mündige Publikum kann damit tun, was es will.

Albertine ist eine Romanfigur von Proust. Und doch fühlt man sich bei diesem Lied sonderbar gegenwärtig...

Leisegang Wenn ich schreibe, muss mich irgendetwas überrollen. Und in diesem Fall war es in der Tat die Proust-Figur, die mich sehr ansprach. Man muss nicht Proust gelesen haben, um sich Albertine anzuhören. Es geht um Emotionen und Ambitionen, die uns heute beschäftigen: Große Zuneigung, Eifersucht, Hass. Das alles gab es genauso schon vor mehr als hundert Jahren. Zudem finden sich andere Themen auf dem Album, die mich bewegt haben. Ich komme aus einem kleinen Dorf im Fläming. Ringsum gibt es Denkmäler für Kriegsgefallene. Und da ist mir aufgefallen, dass dort nur die Herren verewigt sind und kein Mensch über die Frauen redet, die auch den Krieg mitmachen mussten. Es geht mir nicht um Einmischung oder Zurechtweisung. Ich merke einfach an, was mir auffällt. Was jemand damit tut, bleibt ihm selbst überlassen.

In der Wendezeit schickten Sie mit einem Lied „Irre ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament“. Es scheint, dass man in Deutschland gerade wieder nicht so richtig weiß, wo es lang gehen soll.

Leisegang Als ich 1986 den Song schrieb, war ich so in den Zwanzigern und habe gar nicht geahnt, was wenige Jahre später in Deutschland passieren würde. Ich bin keine Kassandra. Es war purer Zufall, als wir 1989 das Album „Irrenhaus“ aufgenommen hatten, gerade die Mauer fiel. So hat der Song eine Popularität erlangt, den er wahrscheinlich drei Jahre zuvor oder danach nie erlangt hätte. Was die Gegenwart betrifft: Ich bin kein politischer Mensch und werde deshalb auch keine politischen  Ratschläge geben. Also lasse ich die Hände davon und beschäftige mich mit Musik. Ohne die Musik und die schönen Künste würde ich nur zur Hälfte existieren.

Und die andere Hälfte?

Leisegang ... ist vorbehaltlos auf Reisen. Ich habe mir nicht die ganze Welt, aber schon einige Länder angeschaut. Ich war in Brasilien, habe in den Vereinigten Staaten sehr naturverbundene, politisch wache Menschen getroffen. Sehr nah sind mir eine kleine Insel in Norwegen und ihre Bewohner, wo unser Album „Midtsommer“ entstanden ist. Ich habe Irland bereist und den Balkan...

Und wie steht’s mit Feuerland?

Leisegang Das Schiff nach Feuerland wartet noch auf mich. Als ich den Song Kling Klang schrieb, auch in den Achtzigern, war es ja gar nicht möglich, nach Feuerland zu reisen. Wie auch Singapur und andere Songs ist er aus der Wunschvorstellung entstanden. Aber vielleicht will ich die gar nicht antasten.

Ich bin hingefahren, ihr Kling Klang im Ohr, weil Sie diese Sehnsucht nach dem fernen Patagonien mir und vielen anderen eingepflanzt haben.

Leisegang Ich hoffe, sie hat sich erfüllt. Sie haben recht. Ich sollte wohl endlich einfach selbst hinfahren und mich beeindrucken lassen.

Vom 24. bis 26. August sind neben vielen anderen Norbert Leisegang und die Rockgruppe Keimzeit beim Finsterwalder Sängerfest dabei.

Mit Norbert Leisegang
sprach Ida Kretzschmar