Die Erkenntnisse von Bernd-Rainer Barth, von ihm erstmals vorgetragen beim Strittmatter-Verein in Spremberg, sind die zweite aufsehenerregende Entdeckung, nachdem Werner Liersch (76) im Sommer 2008 Strittmatters Kriegseinsätze bei der NS-Ordnungspolizei publik gemacht hat. Im Gegensatz zum Literaturwissenschaftler Liersch, dessen Veröffentlichungen in weiten Teilen auf Vermutungen und Verdächtigungen beruhen, kann sich der geschichtswissenschaftliche Fachmann Barth jedoch auf sorgfältig recherchierte Fakten stützen. Er tritt weder als Ankläger, noch als Verteidiger Strittmatters auf, sondern als vorurteilsloser Aufklärer. Ihm zufolge liegen im Berlin Document Center des Bundesarchives, wo unter anderem die Mitgliedskartei der NSDAP und Personalunterlagen der SS aufbewahrt werden, zwei Karteikarten zu Erwin Strittmatter (1912-1994). Es handele sich um Dokumente zur Erfassung des gebürtigen Sprembergers nach körperlichen und rassischen Merkmalen durch einen SS-Untersturmführer, datiert auf den 15. April 1940. Barth schließt aus dem Dokument (das auch Liersch vorlag, dieser aber nicht zu deuten wusste), dass Strittmatter sich "Ende 1939 oder Anfang 1940" freiwillig zur Waffen-SS gemeldet haben muss. Eine zwangsweise Einberufung zu Himmlers Truppe sei bis 1943 nicht erfolgt. Theoretisch könne es sich auch um eine Bewerbung zur SS gehandelt haben. Der Historiker geht jedoch davon aus, dass Strittmatter sich deren militärischem Arm, der Waffen-SS, zur Verfügung stellte. Aus folgendem Grund: Eine Aufnahme bei anderen SS-Eliteverbänden sei nur NSDAP-Mitgliedern und Offizieren möglich gewesen - Kriterien, denen der damalige Fabrikarbeiter nicht entsprach.Strittmatters Schritt weist darauf hin, dass er zu diesem Zeitpunkt die NS-Kriegsführung nicht ablehnt - was seine spätere pazifistisch-antifaschistische Haltung in der DDR konterkariert. Barth begründet die Handlung des Lausitzers jedoch anders. Strittmatter habe seiner gesundheitsschädlichen Arbeit im Chemiewerk der Thüringischen Zellwolle AG in Schwarza entkommen wollen und familiärem Druck nachgegeben - seine beiden Brüder dienten damals bereits bei der Wehrmacht. Zudem habe die gerade erfolgte Trennung von der damaligen Frau den Entschluss zum Ausbruch in den Krieg womöglich befördert. Obwohl der Freiwillige laut Karteikartennotiz die SS-Eignungsprüfung bestanden hat, wurde er nicht genommen. Das folgert der Rechercheur aus dem Umstand, dass Strittmatter "in den ersten Märztagen 1941" stattdessen zum Reserve-Ausbildungs-Bataillon 325 der Schutzpolizei eingezogen wurde. Diese sei Teil der Ordnungspolizei gewesen, welche ebenfalls dem "Reichsführer SS" Heinrich Himmler unterstand. Die kriegerische Laufbahn von Strittmatters Einheit lasse sich anhand von Einsatzbefehlen verfolgen, die das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR dokumentiert habe und die nun im Archiv der Bundesbeauftragen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) verwahrt würden, erläutert Bernd-Rainer Barth.Die Ausbildung dauerte bis zum 15. August 1941. Anschließend wurde Strittmatter mit der 1. Kompanie des Bataillons in Oberkrain (Slowenien) eingesetzt. Von Himmler dort vorgesehene Aufgaben: Unter anderem Aussiedlung und Deportation der Bevölkerung sowie "Bandenbekämpfung" von mutmaßlichen Partisanen, Chiffren, hinter denen sich Gräueltaten verbergen. Der nächste Einsatz ist ebenfalls scheußlich: Vom 31. Oktober bis 23. Dezember 1941 war Strittmatters Einheit in Krakau stationiert, um dort - Barth zufolge - die "äußere Einfriedung" des jüdischen Gettos und das Gefängnis Montelupich mit politischen und jüdischen Häftlingen zu bewachen. Strittmatter gab gegenüber der SED an, er habe bei der Schutzpolizei nur das Kriegstagebuch geführt und nie einen Schuss abgegeben. Bernd-Rainer Barth hält beides für unwahrscheinlich. Schreiberposten seien üblicherweise von länger Gedienten besetzt worden, Einsätze gegen Partisanen ohne Waffengebrauch nicht vorstellbar. Dass Erwin Strittmatter Mitwisser von Kriegsverbrechen gewesen sein muss, wird durch die Recherche des Berliners bestätigt. War der Lausitzer an ihnen beteiligt? "Im Zweifel müssen wir von der Unschuldsvermutung ausgehen", antwortet Barth. Aufschluss über Erwin Strittmatters Erlebnisse und seine Haltung zu Hitlers Krieg könnten Feldpostbriefe liefern, die er den Eltern sandte. Davon ist der Historiker überzeugt. Eva Strittmatter, die Witwe des Dichters, habe ihm den Einblick in die von ihr verwahrte Korrespondenz jedoch nicht gestattet. Barth bedauert dies - zumal sie und Erwin Strittmatters Verlag Aufbau ihn eigens mit den Nachforschungen beauftragt hätten, um die Veröffentlichungen Werner Lierschs zu prüfen. Gestützt auf Barths Zwischenergebnisse hatte der Aufbau-Verlag im Herbst eine Stellungnahme zum Fall Strittmatter veröffentlicht, die auf dessen entscheidenden Punkt - die Mitwisserschaft an Kriegsverbrechen - nicht eingeht und daher einen eher schuld-abstreitenden Eindruck macht. Der Forscher betont, dass er diesen Text nicht verfasst habe. Auf den Vorwurf Werner Lierschs, Strittmatter habe seine Kriegserlebnisse der SED und der Öffentlichkeit verschwiegen, antwortet Bernd-Rainer Barth mit einer rhetorischen Frage: "Wo war denn in der DDR der soziale Ort, wo man so etwas hätte bereden können? Strittmatter hat in seinem Werk mehr gesagt, als gegenüber der SED." Viel Hoffnung, dass neben den Briefen weitere wichtige Quellen auftauchen, hat der Historiker nicht. Im Stasi-Unterlagen-Archiv gebe es jedoch Dokumente über einen Kompaniekameraden Strittmatters, der 1969 in der DDR zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Vielleicht finden sich in dessen Akte Hinweise auf Strittmatters NS-Vergangenheit.