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Alter Mythos neu gesehen und frisch gespielt

Medea (Lisa Schützenberger) ist in Jason (Gunnar Golkowski) verliebt.
Medea (Lisa Schützenberger) ist in Jason (Gunnar Golkowski) verliebt. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Schauspieldirektor Mario Holetzeck hast im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus mit "Mamma Medea" einen hoch aktuellen Stoff zur Premiere gebracht. Erzählt wird von der Begegnung eines ungewöhnlichen Paares und vom Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen. Hartmut Krug / (ik)

Die Geschichte von Medea, die sich in Jason verliebt, den Anführer der Argonauten, der von Kolchis das Goldene Vlies in seine Heimat bringen will, ist seit der Medea-Tragödie von Euripides im Jahr 431 v.Chr. bekannt. Hunderte von Bearbeitungen des Stoffes für 0per, Ballett und Schauspiel gibt es. Der Belgier Tom Lanoye erzählt in seiner Version nicht nur vom Geschlechterkampf, sondern vor allem von der Auseinandersetzung zwischen zwei Kulturen. So wird das Stück in Mario Holetzecks Inszenierung , obwohl oft im alten Versmaß erzählt, sehr heutig. Jason, der die beiden Söhne des Königs der Kolcher mitbringt, deren Flucht nach Griechenland scheiterte, erfährt durch die strafende Ermordung der beiden die Gewalttätigkeit der Kolcher, kann aber durch Medeas Hilfe mit dem Vlies flüchten. Es wird eine vorzivilisierte Gesellschaft gegen Kolonialzitate gesetzt. Dabei gibt es kein emotionales Schrei-Theater, wie es viele Medea-Inszenierungen bieten. Sondern es wird psychologisch sehr genau gespielt. Erzählt wird, wie eine vormoderne Gesellschaft der Kolcher, die Menschen, die sie verlassen, mit dem Tod bestraft. Und wie sie mit der modernen Gesellschaft der Griechen kollidiert. Die zu kolonisieren versuchen und dann mit Medeas Hilfe das Vlies rauben und Medea auf der Flucht mitnehmen. Das Unvereinbare wird gezeigt: zwei konträre Gesellschaften kämpfen miteinander. Mann und Frau, Gesellschaftsform und Gesellschaftsregeln.

Dezente Bühnenmusik

Ein ungemein praktikables und schönes Bühnenbild von Gundula Martin erlaubt im zweiten Teil zwischen weißen, bühnenhohen, verschiebbaren Wänden Übergänge und Durchgänge sowie kurze Videoeinspielungen. Hier sind wir in der Zivilisation angekommen. Die Kolcher kleiden sich schwarz, die Griechen weiß, und wer die Lager wechselt, wechselt auch seine Kleidung. Eine dezente Bühnenmusik von Hans Petith schafft dazu Atmosphäre, ohne sich vorzudrängen.

Oft wird die Medea von einer erfahrenen, älteren Schauspielerin gespielt: In Cottbus nicht. Hier spielt die 24jährige Lisa Schützenberger so kräftig wie wunderbar eine Medea, die mit aller jungen Leidenschaft ihre Liebe zu Jason (souverän: Gunnar Golkowski) und ihre Ehe mit ihm lebt, aber an den Gegensätzen ihrer Kulturen leidet und scheitert. Sie ist die Tochter eines Gewaltherrschers und tötet deshalb sogar für Jason ihren geliebten Bruder. Wenn Jason Medea verstößt, um die Königstocher Kreusa (Lucie Thiede in einer Art Hollywoodkleid) zu heiraten, kommt es zur Katastrophe. Nach einer Auseinandersetzung voller Wut und tobenden Rachegefühlen tötet Medea den einen und Jason den anderen gemeinsamen Sohn.

Rundum überzeugend

Was fasziniert an der Inszenierung, sind die vielen Bezüge, die sich, ohne groß ausgespielt werden, zu heutigen politischen und gesellschaftlichen Haltungen ergeben. Es ist eine schauspielerisch wie dramaturgisch rundum überzeugende Inszenierung. Fast drei Stunden lang, aber immer spannend.

Schade, dass es die letzte Arbeit von Mario Holetzeck in Cottbus ist

Nächste Vorstellungen: 25. Januar und 8. Februar, jeweils 19 30 Uhr.

Zum Thema:
Andrea Linz, Lübbenau: "Ich bin schwer beeindruckt. Klasse Darsteller, sparsame Bühne. Die Aktualität der Inszenierung hat mich sehr angerührt. Theater ist für mich Auseinandersetzung. Lukas Schötz, Cottbus: Ich bin mit meiner Klasse aus dem Leichhardt-Gymnasium hier: Die Schauspieler haben das sehr gut gemacht. Wir haben ja schon bei den Proben zusehen dürfen. Da bekommt man Lust, öfter ins Theater zu gehen.Birgit und Dieter Borisch, Burg: Sehr fesselnd, diese Medea in einem interessanten Bühnenbild!Mit Standing Ovations feierten am Ende die Zuschauer die schauspielerischen Leistungen und Regisseur Mario Holetzeck. GunnarGolkowski wandte sich auf der Bühne an den Schauspieldirektor: "Danke für diese tolle Inszenierung und die ganz großartige gemeinsame Zeit." (ik)