Nacheinander werden sie vom Schneesturm hereingeweht in die ländliche Pension Monkswell Manor, die sechs erwarteten und unerwarteten Gäste. Der Wind bläst, die Gäste taumeln und schreien. Draußen tobt ein Schneesturm, und der letzte Gast, ein Polizeiinspektor, erreicht das Haus nur noch auf Skiern. Er kommt wegen eines Mordes, den die anderen schon aus den Nachrichten erfahren haben. Eine gerade nach langer Haft aus dem Gefängnis entlassene Frau ist in London ermordet worden. Sie hatte drei Kinder einer Familie, die in der Nähe der Pension wohnte, zur Pflege zugewiesen bekommen, sie aber so vernachlässigt, misshandelt und gequält, dass ein Kind starb. Nun gibt es Hinweise, dass der oder die Mörderin der Frau, vielleicht die beiden überlebenden, längst erwachsenen Kinder, nach Monkswell Manor kommen und an weiteren Personen Rache nahmen könnten.

Die auf alle offen zugehende Mollie (die sehr präsente Alrun Herbing) und ihr schnell verunsicherter und misstrauischer Mann Charles (Robert Eder) haben ihre Pension gerade eröffnet. Es sind ihre ersten Gäste, die das unerfahrene Paar nun vor große Probleme stellen. Es beginnt schon mit dem ersten Gast, mit Mrs. Boyle. Nichts gefällt ihr, und so überprüft und kritisiert die Dame alles mit dem Notizbuch in der Hand. Wie Sybille Böwersen diese verknöcherte Rechthaberin und Kritikasterin als Typus der alleinstehenden älteren Frau zeichnet, gibt den ersten Szenen viel Witz.

Es ist eine merkwürdige Schar, die sich da zusammenfindet. Ein älterer Major, vom dickbäuchig ausgestopften Heinz Klevenow als zurückhaltender Beobachter gespielt, über Miss Casewell, der Marianne Helene Jordan eine fast maskuline Burschikosität verleiht, über einen hyperaktiven Christopher Wren, den Simon Elias als einen ein wenig wirren, aber nicht unsympathischen Irrwisch spielt, bis zu Tom Bartels, der als unangemeldeter Mr. Paravicini mit Bart, Stirnglatze und buntem Jackett zu einem Paradiesvogel oder einer Zirkusfigur ausstaffiert wurde.

Hier wissen nicht nur die Pensionswirte, sondern auch die Gäste, vor allem aber auch die Zuschauer nicht, wer diese Figuren eigentlich sind.

Und darum geht es: Wenn der Inspektor (Wolfgang Tegel) alle befragt, um weitere Morde zu verhindern, hat jeder etwas zu verbergen und wird irgendwie verdächtig, als Mörder oder als Opfer. Ob einer das drohende Lied "Three blind mice" (drei kleine Mäuse) auf dem Klavier klimpert, mit dem weitere Morde nach dem ersten angekündigt werden, ob er wie Mrs. Boyle als Amtsperson für die Zuweisung der Kinder zum brutalen Pflegepaar verantwortlich war, oder ob die Pensionswirtin Mollie, damals wohl Lehrerin, einen Brief mit der Bitte um Hilfe nicht beantwortet hat. Hier weiß keiner, wer der andere wirklich ist. Alle sind sich fremd oder werden sich fremd, selbst das erst seit einem Jahr verheiratete Wirtspaar.

Agatha Christies 1952 in London uraufgeführte Stück wird dort seitdem ununterbrochen vor ausverkauftem Haus gespielt: Ein Weltrekord! Natürlich übernehmen immer mal wieder neue Schauspieler eine der acht Rollen, doch der Stil des Stückes blieb sich gleich. Wenn man das Stück allerdings heute liest, wirkt es recht bieder und wenig spannend. Was nun das Senftenberger Ensemble daraus macht, ist allerdings beachtlich. Johanna Schalls enorm stilsichere und einfallsreiche Inszenierung, im praktikablem Bühnenbild von Horst Vogelgesang und mit schön typisierenden Kostümen von Jenny Schall, wirkt ungemein beweglich, witzig und unterhaltsam.

Johanna Schall gibt der Tür-Klapp-Dramaturgie des Stücks eine genaue Choreografie. Bei ihr sind alle ständig in Bewegung, und man bricht gemeinsam aus in Tanz oder Musik: Was bei der Autorin psychologisch erzählt wird, das übersetzt die Inszenierung in Körperlichkeit. Haltungen werden ausgestellt, gegen den biederen Realismus des Stückes setzt Johanna Schall mit ihren sichtlich animierten Darstellern eine wunderbar künstliche Spielweise.

Nun kann der Kritiker natürlich nicht die weitere Handlung allzu sehr offenlegen, und den Namen des Mörders muss er natürlich auch für sich behalten. Nur so viel noch: Nachdem ein Mord in Monkswell Manor passiert ist, und nachdem die Telefonschnur gekappt und damit jeder Kontakt nach draußen unmöglich geworden ist, kommt es zum Showdown.

Selbst wer zur Pause auf die richtige Person als Mörder getippt hat, wird dann doch noch überrascht sein.

Aber nicht nur deshalb lohnt sich diese schöne Inszenierung.