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| 14:04 Uhr

Tanz-Uraufführung am Staatstheater Cottbus
Die doppelte Alice

Venira Welijan (r.) und  Gemma Pearce werden abwechselnd als Alice zu erleben sein.
Venira Welijan (r.) und  Gemma Pearce werden abwechselnd als Alice zu erleben sein. FOTO: Marlies Kross
Cottbus . „Alice im Wunderland“ erlebt am 22. September am Staatstheater Cottbus seine Uraufführung. Die RUNDSCHAU traf die doppelte Alice nach der Probe im Ballettsaal. Von Ida Kretzschmar

Wer ist denn nun die richtige Alice? Die in China geborene Venira Welijan und die australische Gasttänzerin Gemma Pearce sehen sich lächelnd an: „Wir beide. Jede ist es auf ihre Weise“, sagen sie. Die Tänzerinnen werden abwechselnd in der Titelrolle auf der Bühne stehen.

Ballettdirektor Dirk Neumann hat sie bewusst doppelt besetzt. „Alice muss über 90 Minuten ohne Pause präsent sein. Falls sich die Darstellerin verletzt, was natürlich nicht passieren sollte, kann das niemand auf die Schnelle einstudieren. Aber wenn sich schon zwei gleichzeitig dem Training unterziehen, sollen auch beide auf der Bühne stehen“, hat er bei der Probe klargestellt.

Die beiden kommen gut zurecht damit. Sie haben schon während der hochkarätigen Ballettabende „Menschenskinder“ und „Briefe an Julia“.zusammen auf der Cottbuser Bühne getanzt.

„Gemma ist eine wundervolle Tänzerin. Wir schauen einander zu und lernen von einander. Es sind die gleichen Schritte, aber wir sind verschiedene Menschen. Und so entwickele ich meine eigene Alice – so wie sie auch. Es ist wie bei Schauspielern, die die gleiche Hauptrolle spielen, sie aber ganz anders interpretieren als der andere vorher oder nachher“, erklärt Venira Welijan.

Die Cottbuser Max-Grünebaum-Preisträgerin hörte erstmals in Deutschland von „Alice im Wunderland“. Gemeinsam mit ihrer dreijährigen Tochter Nergiz und dem achtjährigen Sohn Nael hat sie sich nun den Disneyfilm angesehen. „Unser Ballettstück weicht ein bisschen von Lewis Carrolls Buch, das ja auch die Grundlage für den Film war, ab. Das Theater wird bei uns zur Wunderwelt. Und da tauchen neben den bekannten Figuren aus dem Film auch Theaterleute auf“, erzählt sie. Und auch wenn sich die Ballett-Uraufführung vor allem an Erwachsene richtet – als ein Spiel mit Zeitvorstellungen, Sprache und Verhaltensregeln, in dem alle Konventionen infrage gestellt werden. Venira Welijan fühlt sich als Alice wieder wie ein Kind. „Ich erlebe es intensiv mit, wenn meine Kinder etwas Neues entdecken, ihre Angst vor Unbekanntem überwinden“, erzählt sie. Und so blickt sie auf ihre Rolle mit den neugierigen Augen eines Mädchens, das langsam erwachsen wird.

Auch Gemma Pearce genießt die Verspieltheit der Rolle. Sie war wohl elf Jahre alt, als ihr das Buch zu Hause in Australien zum ersten Mal in die Hände fiel. Und sie hat auch schon einmal im Wunderland getanzt, damals im Queensland Ballet noch als Rasselmaus. Jetzt schaut sie Venira Welijan zu, bewundert, wie sie die Geschichte um Alice interpretiert. „Manches kann ich mir abschauen, in meinen eigenen Tanz einfließen lassen, wenn es sich für mich richtig anfühlt. Wie auch umgekehrt. Dieses Hin und Her bereichert den Tanz. Zumal uns Choreograf Torsten Händler viel Freiraum gibt“, sagt sie.

Auch Venira Welijan macht die Arbeit mit dem einstigen ersten Solotänzer der Staatsoper Unter den Linden und ehemaligen Chemnitzer Ballettdirektor, der schon zum zweiten Mal in Cottbus mit ihr ein Stück einstudiert, sehr viel Spaß, „Torsten Händler liebt und achtet die Tänzer, weiß jeden einzuschätzen. Er geht respektvoll mit uns um und motiviert uns, auch mit Humor. Dabei weiß er genau, was er will, gibt uns Schritte wie Schauspieler ein Textbuch erhalten“, schwärmt sie über die gute Arbeitsatmosphäre. „Ich genieße jeden Moment. Dabei ist das Herausfordernde für mich nicht so sehr das Tanzen, sondern die spielerische Ebene. Es ist sehr wichtig, mit der Seele dabei zu sein. Was man fühlt und spürt, kommt beim Publikum direkt an“, sagt sie. Für Gemma Pearce ist die größte Herausforderung, wenn sie im Pas de deux eins wird mit Stefan Kulhawec. Der Tänzer, der übrigens auch aus Australien stammt, spielt den Herzbuben, die erste Liebe von Alice. Diese gehört zu den vielen wundersamen Begegnungen im Wunderland, das sich durch skurrile Kostüme, schräge Bühnenbilder, atmosphärisches Licht und märchenhafte Musik entfaltet.

Haben denn auch die beiden Tänzerinnen, die ja Kontinente überquert haben, schon ihr eigenes Wunderland gefunden? Venira Welijan beschreibt es: „Es ist das verrückteste Land, das ich kenne.“ Gemma Pearce kann dort „jeden Abend eine andere sein“. Die doppelte Alice ist sich einig: „Unser Wunderland ist das Theater!“