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| 12:29 Uhr

Albrecht Hirche über König Kasper kann immer
Wo Narren kein Bußgeld bezahlen müssen

Albrecht Hirche in bunter Zirkuskulisse.
Albrecht Hirche in bunter Zirkuskulisse. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Der Regisseur, Autor und Ausstatter schickt „König Kasper“ auf den Hof der Cottbuser Alvensleben-Kaserne. Von Ida Kretzschmar

Theatersommer im Hof der Alvensleben-Kaserne in Cottbus:  Nach „Der Hauptmann von Köpenick“ oder „Der Diener zweier Herren“ gibt es ab 14. Juni nun einen Theaterjahrmarkt unter dem Titel „König Kasper kann immer“. Im RUNDSCHAU-Interview lässt der Regisseur, Schauspieler, Autor und Ausstatter Albrecht Hirche hinter die Kulissen dieses Sommer-Open-Airs blicken.

Albrecht Hirche, Staatstheater und Zuschauer wollen endlich mal wieder etwas zum Lachen haben. Werden Sie dafür sorgen?

Hirche Dieser Abend hat durchaus Witz, finde ich. Aber bei meinen Stücken geht es meist doppelbödig zu: Tragödie und Komödie finden zur selben Zeit statt. Ich mag kein Schenkelklopf-Theater, wo nur Pointe auf Pointe folgt. Und ob ich für Lachen sorgen kann? Ich sorge mich eher um das Wetter.

Ein wichtiges Stichwort, wenn es um Open-Air-Theater geht. Verfolgen Sie die Prognosen der Wetterfrösche?

Hirche Nein, weil ich das Wetter ohnehin nicht ändern kann. Ich muss damit leben, wie es wird. Für mich ist Open-Air immer sehr reizvoll. Weil ich gezwungen bin, mein eigenes Theater zu bauen. Ich kann nicht auf schon mal Gemachtes zurückgreifen, sondern muss über Theaterformen nachdenken, Neues finden. Der Spieler hat keinen dunklen Saal vor sich, sondern die Gesichter der Zuschauer. Zudem machen Wind, Sonne, das Verwachsen mit der Natur eine Vorstellung unter freiem Himmel so besonders. Und Cottbus ist nicht Mallorca, da kann es auch ab und zu regnen.

Gibt es eine Regenvariante?

Hirche Nein, aber ich bin sicher: Wir werden nicht untergehen. Selbst bei Platzregen kann man sich unterstellen und überhaupt für alle Fälle ausgerüstet sein. Wenn die Sonne scheint, haben die Besucher die Qual der Wahl: Ob sie lieber die Wärme im Gesicht haben wollen oder im Schatten sitzen wollen. Ansonsten hoffe ich vor allem, dass es abends nicht zu kalt wird. Wir beginnen recht spät.

Wann geht es los?

Hirche Ab dreiviertel acht ist Einlass, halb neun geht es mit dem Stück los. Aber es lohnt sich, zeitig da zu sein. Nicht nur wegen der Plätze. Man kann vorher schon etwas trinken und essen und auch schon einige Darsteller erleben, die später gar nicht alle zu sehen sein werden. Schon im Vorprogramm bietet dieser Theaterjahrmarkt Erlebnisse, die man am besten mit Freunden genießt.

„König Kasper kann immer“, ist dieses Sommertheaterstück überschrieben. Das klingt ziemlich großspurig. Was steckt dahinter?

Hirche Eigentlich sollte es ja noch ganz anders heißen. Aber der scheidende Intendant wollte sein Publikum nicht veräppeln lassen. Er kennt es schließlich am besten. Großspurig aber sollte es schon zugehen. Gleich vier Kaspers machen in Cottbus das Treiben verrückt und tanzen ihrem Chef Hermann von Eiscreme auf der Nase herum. Aber der Titel deutet auch auf einen Widerspruch: Kasper ist nie König. Kasper ist ein armer Tropf: Denken Sie nur an Suppenkasper oder Klassenkasper. Die Vorgeschichte der eigentlichen Handlung ist: Unsere Hauptfigur Kasper zog es aus einer vergessenen Puppenkiste bei der Großmutter in Bautzen hinaus in die Welt.

Aber er bleibt doch nicht allein.

Hirche Auf seiner Reise traf er drei andere Kaspers, die das Mittelalter erobern wollen. Die vier, drei sehr bewegliche Frauen und ein Mann, haben sich zusammengetan und landeten in einem Zirkus, wo sie gleich wieder in Nummern missbraucht wurden, die sie nicht mochten. Hier setzt unser Stück ein: Kasper wird zum Anarcho-Kasper, der ausbrechen will, ohne genau zu wissen, wohin es gehen soll. Eine klassische Identitätskrise. Der Zirkus aber droht darüber zu zerbrechen, was Direktor Hermann von Eiscreme verzweifeln lässt. Da taucht ein Mann auf, der sich Bonaparte nennt und versucht,  Hermann zu helfen, wieder Sinn in seinem Leben zu finden. Natürlich steckt auch noch eine Liebesgeschichte in dem Stück: Trapezdame Gretschella liebt einen der Kaspers über alles, aber er schaut nur durch sie hindurch. Es ist gut, das alles im Hinterkopf zu haben, wenn man das Geschehen auf den Bühnen verfolgt. Ein Happy End gibt es auch. Wie es aussieht, wird noch nicht verraten. Und viel Musik. Wie im Mittelalter üblich, auch schwärmerische Minnegesänge.

Worauf sollte sich der Zuschauer bei diesem Theaterabend unter freiem Himmel noch einstellen?

Hirche Je nach Perspektive hat man Gelegenheit, immer wieder einen anderen Abend zu sehen – viel mehr als im Guckkastentheater, einem geschlossenen Raum. Durch diese Winkelkonstruktion spielen die Darsteller oft im Kreis, bewegen sich sehr viel, sind unberechenbar. Man muss sich erst mal daran gewöhnen, dass viele Dinge parallel passieren und man nicht alles gleichzeitig wahrnehmen kann. Wer sich auf diese Spielweise einlässt, erlebt, so hoffe ich sehr, einen coolen Abend.

Was verlangt diese Spielweise den Schauspielern ab?

Hirche Viel. Sie ist sehr kräftezehrend. Verschiedene Ebenen sind zu überbrücken. Man rennt von einem Platz zum anderen. Die Kaspers sprechen ohne Mikro, manchmal im Chor, manchmal durcheinander. Es gibt lange Schminkzeiten. Die Kostüme werden nass... Aber da muss kein Zuschauer mitleiden. Er soll sich daran freuen. Es ist ja eine Festivität, etwas fürs Auge. Ich bin ein großer Fellini-Fan. Zirkus ist auch meine Welt. Übrigens: Diese Uraufführung habe ich nicht nur für Cottbus geschrieben, sondern den Spielern regelrecht auf den Leib. So ist beispielsweise Gunnar Golkowski zu Hermann von Eiscreme geworden.

Die Hauptfiguren aber sind Unruhestifter und Quertreiber. Haben wir nicht ohnehin zu viele davon?

Hirche Ich habe das Stück ganz bewusst in Cottbus angesiedelt, im Dialog mit der Dramaturgin Bettina Jantzen, für die diese närrische Jahrmarktsarbeit ein schöner Abschied vom Staatstheater Cottbus sein soll. Die Folie Cottbus ist also da in dem Stück, ohne dass dabei ein politisches Wort fällt. Aber wir treffen da auf Figuren, die aus der Fremde kommen, nicht heimisch werden, aber Heimat suchen. Da sind die Kaspers, die nicht mehr wissen, wer sie sind, wenn sie nicht mehr das sind, was sie sein sollen. Konventionen werden infrage gestellt. Und da ist aber auch der Gedanke, dass sicherheitshalber alles bleiben soll wie es ist. Das ist drin, wenn man es sehen will. Aber es wird einem nicht um die Ohren gehauen. Es bleibt grelles, derbes Volkstheater.

Wie war denn Ihr erster Eindruck von Cottbus?

Hirche Als ich zum ersten Mal aus Berlin nach Cottbus kam, war es Winter, und die Stadt zeigte sich mir unangenehm fremd und kalt. Auf dem Altmarkt bin ich einmal drei Neonazis begegnet, die sich wie Sheriffs aufführten, als hätten sie hier die Hausmacht.  Ich habe aber relativ schnell gemerkt, dass das nicht so ist. Es eine schöne Stadt. Sie ist, lebens- und liebenswert.

Also hat sich Ihr erstes (Vor)-Urteil nicht bestätigt?

Hirche Im Gegenteil. Wir drei Berliner und ein Hamburger als Gäste in dieser Produktion fühlen uns sehr wohl hier. Ich habe schon des Öfteren mit Jo Fabian zusammengearbeitet. Noch länger kenne ich den Dramaturgen Jan Kauenhowen. Mit ihm habe ich 1997 mein erstes großes Open Air in Jena gemacht. Seither wird dort dieses Format hochgehalten. Für Cottbus habe ich nun nicht nur das Stück geschrieben, sondern auch Bühne und Ausstattung maßgeschneidert. Natürlich mithilfe des Teams. Ich habe 20 Jahre ein eigenes Off-Theater geführt, das prägt mich sehr. Ich habe nicht nur Regie und Schauspiel studiert, sondern auch Bildende Kunst. Deshalb liebe ich es, die Bilder und Vorhänge zu bemalen, die auf dem Kasernenhof zu sehen sind. Es sind schon harte Tage. Ich stehe um sechs Uhr auf und gehe kurz vor Mitternacht ins Bett. Dazwischen arbeite ich. Das geht seit vier Wochen so, irgendwann wird das wieder anders. Aber jetzt macht es einfach Spaß.

Sind Sie also auch ein bisschen närrisch wie dieses ganze Sommertheater?

Hirche Schauspiel ist eines der letzten Orte der Freiheit, wo man nicht gleich ein Bußgeld bezahlen muss, wenn man Blödsinn macht oder erzählt. Das ist traumhaft: Man kann etwas in den Laptop tippen, was tatsächlich gespielt wird. Wissen Sie, wie diese Bühnenkreise entstanden sind? Ich habe einen Eierbecher genommen und ein Whiskyglas und habe einfach die Maßstäbe hochgerechnet. Dass man nicht vorgeht wie ein Architekt ist auch eine Narretei, für die ich sehr zu haben bin. Da  ist die Idee am Anfang sehr klein, aber es kann eine große Pflanze daraus werden. Wie sie wächst, hat natürlich auch mit den Spielern zu tun, dem Wind, der Sonne, mit der speziellen Musik von Hans Petith und Andrew Krell. Krell ist ein Straßenmusiker aus Hamburg. Auch ein Narr, den ich mitgebracht habe.

Wie wird das Publikum da mit reingezogen?

Hirche Mitmachen ist durchaus erwünscht. Man kann mitsingen und mittanzen. Am Ende soll ein Dancefloor eingeweiht werden. Aber schon im Vorfeld haben sich ja die Lausitzer zu erkennen gegeben. Ein paar Dutzend Apfelkisten wurden an Künstler, Handwerker, Schüler, Kunstkurse und verschiedene Bürger verteilt. Darin werden sie in einem Bühnenbild oder in einer kleinen Installation sichtbar machen  „Was früher schöner war“. Ich bin selbst im heutigen Land Brandenburg geboren worden. Meine Eltern sind zwar vor dem Mauerbau in den Westen geflohen, aber die DDR spielte in unserem Familienalltag immer eine Rolle. Inzwischen lebe ich in Berlin am Prenzlauer Berg und habe schon in vielen Städten des Ostens gearbeitet. Ich kann überall arbeiten. Aber manchmal denke ich: Es hat Logik und ist eine Lust, den eigenen Spuren nachzugehen.

Mit Albrecht Hirche
sprach Ida Kretzschmar