Regisseur Matthias Oldag, mit Cottbus eng verbunden, hat ein Konzept weiterentwickelt, das er erstmals am Theater Altenburg/Gera umsetzte.

Wenig überraschend, aber einleuchtend: Matthias Oldag hat die Handlung aus der Zigeunerromantik im sonnenglühenden Andalusien in eine ernüchternde Gegenwart geholt.

Die Sonne scheint in seiner Inszenierung nicht einmal in der Mittagspause der Zigarettenarbeiterinnen. Der Handlungsort am südlichen Rand Europas, die Stichworte "Schmuggler", und "Soldaten" haben ihn an die Grenzen der "Festung Europa" denken lassen. Flüchtlinge, Menschenhandel, illegale(?) Arbeitskräfte in der Zigarettenfabrik, selbst der Begriff "Zigeuner" mit allen Untertönen - all das passt genau. Die Schmuggler werden im 3. Akt auf einem finsteren Lagerplatz einen Container voller Flüchtlinge erwarten und "entladen".

Es hätte angesichts der aktuellen Nachrichten nicht einmal der verwendeten Videobilder bedurft, um Zeit und Situation zu umreißen.

Von der Grenze in die Bar

Der erste Akt spielt an einer Art Kontrollstelle. Die Soldaten um Don Josè sind "Grünhelme" mit Grenzsicherungsaufgaben. Die Soldaten langweilen sich, die Kinder toben und krakeelen - mit wunderbar unphilharmonischer Intonierung - ihr wenig ehrerbietiges Marschlied. Erst wenn Michaela, dann die Zigarettenfrauen und zuletzt Carmen auftauchen, kommt Bewegung in die Männer. Don José wird von Carmen angesehen und die Geschichte kann ihren fatalen Lauf nehmen. Der zweite Akt spielt in Lillas Pastias von den "Grünhelmen" besuchter Flamenco-Bar, im großzügigen Backstage-Ruheraum Escamillos läuft der Showdown.

Seine Konzeption für Cottbus weiterzuentwickeln, hieß für Matthias Oldag wohl vor allem, die Figuren den Sängerdarstellern des Cottbuser Ensembles buchstäblich auf die Haut zu schreiben. Oldag beherrscht die Kunst der psychologischen Personenführung bis ins Detail und nutzt sie um die Opernfiguren von ihrem Postament der mythischen Überhöhung herunterzuholen. Der fein ziselierte Umgang mit den Personen macht denn auch den eigentlichen Reiz seiner Regiearbeit aus.

Die Protagonistin der Titelfigur ist Marlene Lichtenberg. Sie ist allerdings eine derart schlanke Person, dass sie als femme-fatales Vollweib nicht durchgeht. Also lässt Oldag sie rotzfrech sein, absolut respektlos, vollkommen frei von jeder Furcht. Sie verführt nicht durch Geheimnis, sondern durch Direktheit. Die Stimme ist dichter Carmen-Samt, dunkel getönte Tiefe. Sie wird von Hit zu Hit besser.

Der auf der Bühne wieder einmal faszinierendste Typ des Cottbuser Ensembles, Jens-Klaus Wilde, ist Don José. Wilde wirft sich in jede Rolle, als gelte es sein Leben; auch als unglaublich authentischer Josè zerreißt er sich in der Luft und am Boden. Hatte man anfangs ein paar Ängste, ob er die Partie sängerisch bewältigen würde, so überzeugte er mit einer balsamischen "Blumenarie" und für das Finale bot er alles, vom Sprechgesang und Aufschrei bis zum ganz großen Ton. Alle Achtung.

Michaela als Wissende

Gesine Forberger wirkt zu erwachsen, als dass sie mit der Michaela die übliche ländliche Unschuld geben könnte. Also hat der Regisseur sie von Anfang an wissen lassen, was bei José läuft. Entsprechend war die Michaela gesanglich geformt, hell, klar, energisch.

Die Normalität der Figuren macht die bekannte Handlung durch menschliche Nähe und Realität nachfühlbarer und damit doch wieder spannend. Sie wirkt etwa wie der hochinteressiert vom ganzen Haus verfolgte Eheskandal in der Wohnung unten links. Folgerichtig ist der Übermythos Escamillo, der Torero auf Leben und Tod, als inszenierte Figur ziemlich unterbelichtet - und leider auch als Sänger.

Allein in den Personen, sogar in den Andalusien-Klischee-Kostümen Frasquitas, Mercédès', Carmens und Escamillos manifestiert sich auch der Schauwert des Abends. Der Stierkampf kommt nur als Videoprojektion vor, während der Chor in Konzertkleidung von den Seitenlogen singt, zwar auf Deutsch in der Felsenstein-Fassung, aber erfreulich französisch leicht und stilsicher.

Im Orchester war die auf der Bühne perfekte "Erdung" von Figuren und Handlung auf eine deutlich weniger beglückende Art spürbar. Verblüffenderweise lag dies wohl daran, dass Marc Niemann mit dem Philharmonischen Orchester einfach alles richtig gemacht hat. Die Tempi nahm er flott und perfekt wie ein Metronom, alle dynamischen Vortragszeichen waren absolut genau ausgeführt, jeder Akzent saß, man vernahm Crescendi, fette dunkle Streicher, farblich genau getönte Soli, was immer man hören wollte. Nur der bunte Vogel Liebe wollte nicht recht fliegen. Keine Gänsehaut nirgends.

Trotzdem ein lohnender Abend, genau durchdacht und ein seltenes Beispiel dafür, dass ein Werk von 1875 heute sogar noch aktueller sein kann als zur Entstehungszeit. Frenetischer Schlussapplaus.