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Äneas macht bald schlapp

Leipzig. Leider fehlen Lausitzer Künstler wie Hans Scheuerecker, Lusici oder Dieter Zimmermann. Trotzdem zeigt die Leipziger Ausstellung über "Kunst der 80er in der DDR", dass diese facettenreicher und kritischer war als vielfach bekannt ist. Felix Johannes Enzian

Wenn Kunst aus der DDR im gesamtdeutschen oder internationalen Kontext gezeigt wird (zum Beispiel gerade in der Schau "Der geteilte Himmel” in der Neuen Nationalgalerie in Berlin), ergibt sich oft folgendes Bild: Auf der einen Seite die westlichen Strömungen wie Konzept-Kunst, Performance Art oder Pop Art: experimentell, rebellisch, oft lustvoll, bunt. Auf der anderen Seite: Arbeiterbrigaden, Bauernkriege, antifaschistisches Pathos. Die figürlich-realistisch geprägten Bildsprachen aus der DDR wirken in einem solchen Vergleich muffig, rückständig, formal brav, geistig begrenzt.

Dass zur Ost-Kunst der 70er- und 80er-Jahre etwa auch ein Hans Scheuerecker gehört, der die Kultur in Cottbus prägte, ab strakte Grafik, nackte Körper, Jazz und Punk in Malerei-Happenings zusammenbrachte und dabei weit mehr riskierte als die sogenannten "Jungen Wilden" der Bundesrepublik, wissen außerhalb Brandenburgs ziemlich wenige. Warum? Weil manche Museumskuratoren sich nicht die Mühe machen, über den Tellerrand des Gewohnten zu blicken. Weil die großen Ausstellungen zur DDR-Kunst vor allem die üblichen Verdächtigen präsentieren: Tübke, Sitte, Mattheuer, Metzkes, Bernhard Heisig. Die mit ihren (zwar sehenswerten) Werken schon im SED-Regime Platzhirsche waren, aber nicht ansatzweise die Bandbreite der Kunst in Ostdeutschland illustrieren.

Aus der Sammlung Ludwig

Lückenhaft ist auch die Ausstellung "Ludwig in Leipzig IV. Kunst der 80er in der DDR" im Museum der bildenden Künste Leipzig. Das hat einen einfachen Grund: Es handelt sich lediglich um 25 Werke, die allesamt aus der Sammlung des rheinländischen Industriellen und renommierten Mäzens Peter Ludwig stammen. Wie seine Shoppingtouren durch die Kunstszene der DDR abliefen, wüsste man gerne. Jedenfalls haben ihn die Vertreter des staatlichen Kunsthandels nicht zu einer Orgie in Scheuereckers Atelier geführt. Die anarchische Leipziger Galerie "Eigen + Art", den Spreewälder Art-Brut-Künstler Dieter Zimmermann oder Lusici, der in Ost-Berlin gelegentlich Marx-Bücher übermalte, haben sie Ludwig sicherlich auch nicht vorgestellt.

Die Exponate, ganz überwiegend Malerei, stammen von 25 Künstlern aus Leipzig, Dresden, Chemnitz, Zwickau und Berlin: darunter Hubertus Giebe, Clemens Gröszer, Ulrich Hachulla, Angela Hampel, Johannes Heisig, Walter Libuda, Wolfgang Peuker, Arno Rink, Volker Stelzmann, Max Uhlig.

Sie alle waren damals auf den offiziellen Kunstausstellungen vertreten, viele malen realistisch-figurativ. Das heißt aber nicht, dass es sich bei ihren Werken um "sozialistischen Realismus" im staatstragenden Sinne handelt.

Zum Beispiel Hachullas Tafelbild "Das Fest": Eine Partygesellschaft ist um einen Tisch versammelt, es wird gebechert, melancholisch geraucht, ein Partygast schaut den Betrachter herausfordernd durch eine Clownsmaske an. Solche Masken-, Fratzen- und Harlekinmotive tauchen in der DDR-Kunst immer wieder auf, in dieser Ausstellung auch auf Sighard Gilles "Fete in Leipzig (I)" und Hartwig Ebersbachs "Kaspar - Abwicklung eines Porträts". Als offene Kritik lassen sich solche Rätselgemälde nicht lesen, doch die Maskerade macht deutlich, dass in der dargestellten Gesellschaft Schein und Wahrheit auseinanderfallen. Freudenfeste des sozialistischen Fortschritts sind diese morbiden Partybilder nicht. Gleiches gilt für düstere Experimente zwischen Expressionismus und Abstraktion, etwa Wolfgang Petrovskys "Höllenfahrt".

Mehrere Werke behandeln mythologische Themen. Aber sind nicht auch dort Kommentare zur Gegenwart versteckt? Wenn auf Arno Rinks Gemälde "Äneas" dieser seinen Vater aus dem brennenden Troja trägt, wirkt es, als mache der Held bald schlapp. Wenn Volker Stelzmann auf "Unter dem Gerüst" Bauarbeiter in Szene setzt, erinnert die Komposition fatal an einen Christus am Kreuz.

"Je-Je-Je"

Unverschlüsselt ist Johannes Heisigs Darstellung einer irokesenfrisierten Punk rockgruppe unter dem Titel "Ja. Ja. Ja. (Let it bleed)". Die hämische Anspielung an ein berühmtes Musikkulturdiktat Walter Ulbrichts war für Rockmusikanhänger offenkundig: "Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen." Der Staatsratsvorsitzende meinte mit seiner Bemerkung übrigens die Beatles-Platte "Yeah! Yeah! Yeah!".

Mehr als 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Sozialismus ist es höchste Zeit, dass die Museen einen wirklich umfassenden Überblick über das Spektrum der Kunst in der DDR zusammentragen. Das betrifft gerade die kulturell brodelnden 80er-Jahre. Die kleine Ausstellung in Leipzig kann nur ein vielversprechender Anfang sein.

"Ludwig in Leipzig IV. Kunst der 80er in der DDR". Museum der bildenden Künste Leipzig. Bis 2. September.