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Achtung! Hexe im Anflug

Cottbus. „Hänsel und Gretel“, die romantische Märchenoper von Engelbert Humperdinck, hat am Sonnabend um 19.30 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus Premiere. Regie führt Intendant Martin Schüler. Die musikalische Leitung übernahm Marc Niemann. Von Renate Marschall

Undefinierbares Flugobjekt über Cottbus! Sie haben es noch nicht gesehen? Versprochen, ab Sonnabend taucht es öfter auf. Sollte es grün sein, ist keine Gefahr im Verzug - die Hexe aus "Hänsel und Gretel" ist im Anflug auf das Staatstheater. Dort wird sie, das ist im Libretto so festgelegt, von zwei Kindern mit List und Verstand unschädlich gemacht.

Auf den Besen gestiegen ist der Tenor Dirk Kleinke - von wegen, Hexen sind weiblich. Auch hinter der Babajaga - der mit dem Hexenhaus auf einem Hühnerfuß in den russischen Märchenfilmen - steckte immer ein Mann. Dirk Kleinke jedenfalls hat sich mit dem ungewöhnlichen Fortbewegungsmittel angefreundet, mit dem er dank des Vereins der Freunde und Förderer des Staatstheaters auch einen Ritt über den verwunschenen Wald hinlegen kann. Virtuell. Ein Beamer, das Gerät haben die Vereinsmitglieder spendiert, macht es möglich - hex, hex.

Wie verhext kommt dem Sänger, der auch gern sein schauspielerisches Talent einsetzt, die Knusperhexen-Rolle allerdings nicht vor. Eher eine Aufgabe, die Spaß macht. Schließlich ist die krumme Alte richtig garstig, was nach Kleinkes Ansicht interessanter ist als einfach nur lieb. "Ich spiele selten die Typen, denen die Herzen auf den ersten Blick zufliegen, von der Prinzessin geküsst werden immer die anderen." Lyrische Tenöre nämlich, bevorzugte Liebhaber. Das klingt nur nach Bedauern, Dirk Kleinke ist mit seinem Stimmfach Spieltenor zufrieden. Obwohl er oft Nebenrollen spielt, sind die in ihrer Zwiespältigkeit häufig interessanter. Wie der Dorftrottel Wenzel in "Die verkaufte Braut". Solche Figuren auszuloten, in ihrer Widersprüchlichkeit zu zeigen und außerdem noch gesanglich zu bestehen, sieht er als Herausforderung an. In der Oper "Candide" hatte er sogar elf Rollen zu spielen. Auf dem Weg "vom Sänger zum Sängerdarsteller", wie der Berliner Dirk Kleinke es nennt, hatte er gute Lehrmeister. Nicht nur Martin Schüler, der darauf größten Wert legt, sondern auch einen ganz berühmten der Branche - George Tabori. Der inszenierte 1998 im spektakulären Berliner "Zirkus um die Zauberflöte".

Kleinke spielte in der Mozartoper den Monastatos. "Tabori, obwohl schon krank, kam auf jede Probe, hat uns singen und als Gruppe agieren lassen. Ihr müsst so spielen, wie ihr singt, ihr sollt die Figur nicht darstellen, ihr müsst sie sein, hat er immer wieder gefordert", erinnert sich der Tenor, der darin sein eigenes Fühlen bestätigt fand. Deshalb arbeite er auch so gerne am Cottbuser Theater, "in einem spielfreudigen Ensemble". Auch wenn das nicht immer leicht ist - das Spielen mit dem Singen. Wenn er etwa als Dr. Blind in der Fledermaus an die 150 Akten fallen lassen und wieder aufsammeln muss. Oder als Götterbote Merkur in "Orpheus in der Unterwelt" Göttervater Zeus mit dem Radl hinterherjagt. (Irgendwie hat er es mit den rasanten Gefährten.) Und auch die Hexe hat körperlich wie gesanglich einiges zu leisten. "Humperdinck hat keine leichte Musik geschrieben. Er war ja Assistent von Richard Wagner, und da hat manches abgefärbt. Die Hexenpartie zum Beispiel ist wie eine kleine Schwester des Mime in ‚Siegfried'", sagt Kleinke, für den die Musik schon immer zu seinem Leben zählte. Und das, obwohl das bei seinen Eltern - der Vater Fernsehmechaniker, die Mutter Betriebswirtin - nicht so war. "Entdeckt" wurde er in der Schule und durch seine Musiklehrerin gefördert. Im Chor habe er immer gesungen, wurde zum renommierten Rundfunkjugendchor Wernigerode delegiert und wollte eigentlich Musiklehrer werden. Als es dann aber ums

Studieren ging, reizten ihn Dirigieren und Gesang viel mehr. Am meisten das Dirigieren: "Ich wollte so viel wissen, Dirigieren schien mir da die beste Wahl. Mit keiner Silbe habe ich daran gedacht, dass ich mal davon leben muss." Das wurde ihm sehr schnell bewusst, als er Vater wurde. Er wechselte von der Hochschule in Weimar an die "Hanns Eisler" nach Berlin und verlegte den Studienschwerpunkt auf Gesang. Bereut hat er das nicht. Schon während des Studiums sang er in Opernproduktionen, unter anderem an der Neuköllner Oper Berlin. Im Jahr 2000 gehörte er zu den Preisträgern der Kammeroper Schloss Rheinsberg, wo es zu einer "schicksalhaften" Begegnung kam: Dirk Kleinke sang den Don Basilio in Mozarts "Die Hochzeit des Figaro" - inszeniert von Martin Schüler. Der wiederum gilt als ein Fuchs im Erkennen von Talenten. Er lud Kleinke nach Cottbus zum Vorsingen ein. Auch der damalige GMD Reinhard Petersen sollte ihn begutachten. Im gleichen Jahr wurde Kleinke in Cottbus engagiert. Er ist des Lobes voll über die Arbeit hier, die hohe künstlerische Qualität, die sich durchaus vergleichen könne mit großen Häusern mit einem weit höheren Budget. Kleinke, der immer mal wieder gastiert, kann da mitreden. So hat er in der Komischen Oper Berlin an der Uraufführung der Oper "Robin Hood" von seinem Studienkollegen Frank Schwemmer mitgewirkt. "Die Abläufe sind dieselben wie bei uns", war er damals überrascht. Dass in Bezug auf das Cottbuser Theater immer wieder von Etatkürzungen die Rede ist, kann er nicht verstehen: "Alle müssten doch stolz sein."

"Hänsel und Gretel" ist fast ausverkauft, viele Kinder werden in den Vorstellungen sitzen. Auch darauf freut sich der Sänger, weil Kinder so ursprünglich reagieren, sich erschrecken, mitfiebern und große Freude daran haben, wenn es der Hexe an den Kragen geht. Ein bisschen Lehrer steckt eben doch in ihm, der inzwischen an der Universität in Potsdam einen Lehrauftrag im Fach Gesang hat. Wenn er nicht auf der Opernbühne steht, singt er sehr gerne Konzerte - demnächst wieder Weihnachtsoratorium. Er liebt Barockmusik und wünscht sich mal eine Barockoper. Noch besser, was ganz Modernes. Unter dem Titel "Dichterliebe" hat er eine CD mit Liedern Robert Schumanns aufgenommen. Vielseitiger hätte Dirigieren wohl auch nicht sein können. Vor allem, was ist schon ein Taktstock gegen einen flugfähigen Besen. Was aus den Dingern rauszuholen ist, weiß man seit Harry Potter. Der aber hatte nicht so tolle Hexensprüche: Hurr hopp hopp hopp, Galopp, Galopp, mein Besengaul, hurr hopp, nit faul! Sowie ich's mag am lichten Tag, spring kreuz und quer ums Häuschen her! Bei dunkler Nacht, wenn niemand wacht, zum Hexenschmaus am Schornstein raus!

Wo eigentlich hat das Staatstheater einen Schornstein?

Dirk Kleinke als Merkur in „Orpheus in der Unterwelt“. Foto: Kross
Dirk Kleinke als Merkur in „Orpheus in der Unterwelt“. Foto: Kross FOTO: Kross