Diese Spielzeit steht unter dem Motto Familie - was bedeutet Ihnen Familie?

Es sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben, Menschen, die ich liebe. Die sind leider weit weg, aber hier am Theater habe ich auch so etwas wie Familie gefunden.

Wie trägt das philharmonische Orchester musikalisch zu diesem Thema bei?

Wir haben die neue Reihe "Theaterspielplatz" eröffnet, sehr erfolgreich. Vier Familienkonzerte sind geplant, und am Kindertag spielen wir ein zusätzliches mit den sinfonischen Tänzen aus der "Westwinde Story". Außerdem bieten wir Schulkonzerte an, die wir leicht geändert haben. Die Klassen sieben bis zwölf sind in die Generalproben eingeladen, bekommen eine Einführung in das Stück und dürfen reinhören.

Acht Philharmonische Konzerte - was sind die Attraktionen?

Ganz außerordentlich freue ich mich über die 3. Sinfonie von Mahler am Ende der Spielzeit. Wir gehen damit in die Lausitz-Arena Cottbus. Das ist ein großes Werk mit Riesenchor, Knabenchor und Solisten. Dem Debussy-Jahr 2012 habe ich das 7. Konzert gewidmet. Wir spielen von ihm "Nocturnes" und "La Mer", kombiniert mit dem Ligeti-Klavierkonzert. Das erste Konzert mit Bruckner ist für mich etwas Besonderes, es ist das einzige Stück, das ich mit meiner Mutter in einem Orchester gespielt habe. Ich war 18, dritter Oboist und sie die Solobratsche. Das war ein Erlebnis. Ich weiß immer noch, wie wir die Sinfonie im Auto gehört haben, wir sind auf den Parkplatz gefahren und haben sie bis zu Ende gehört.

Und wer sind die Attraktionen?

Der Pianist Tzimon Barto zum Beispiel, der Gershwin spielt. Er ist schon fast ein Stammgast. Wir konnten den Violinisten Linus Roth gewinnen. Dass er das Violinkonzert von Philip Glass spielt, war übrigens ein Wunsch von Martin Schüler. Und ich freue mich, dass wir als Dirigenten für das fünfte Konzert Rasmus Baumann gewinnen konnten. Will Humburg, der dieses Konzert eigentlich dirigieren sollte, hatte Terminschwierigkeiten. In diesem Konzert erleben wir auch Alban Gerhardt, einen der führenden jungen Cellisten. Darüber hinaus haben wir mit "Court-circuit" aus Paris ein weltbekanntes "ensemble-in-residence". Übrigens werden auch Musiker unseres Orchesters ein Konzert in Paris spielen.

Was ist anders als sonst im Konzertprogramm?

Ich wage mich zum ersten Mal an die Amerikaner. Vom Publikum bin ich schon mehrfach nach Gershwin gefragt worden. Und so habe ich gesagt, o. k., machen wir: "Ein Amerikaner in Paris" und das "Concerto in F" zusammen mit Bernsteins Sinfonischen Tänzen aus "Westside Story".

Man hat den Eindruck, Sie können machen, was Sie wollen, das Publikum folgt Ihnen. Wie haben Sie das hingekriegt, wo es anfangs doch etwas Rebellion gab, vor allem gegen die Neue Musik?

Ich wollte das Publikum ja nie erschrecken. Ich bin nur der Meinung, dass es zum kulturellen Bewusstsein gehört, sich auch neuen Klangmustern zu öffnen. Wir haben Tausende von Komponisten und Hunderte, die absolut begabt sind - die zu ignorieren, ist doch nicht richtig. Mittlerweile gibt es Konzertbesucher, die diese Entdeckungsreise sehr lieben, die anderen ertragen die kurzen Stücke, die in diesem Jahr unter dem Motto Volksmusik stehen. Ich finde es groß, dass die Cottbuser der Neuen Musik eine Chance geben. Und - was man hören kann - das Orchester wächst an diesen Kompositionen.

Am Sonnabend gastiert das Landesjugendorchester Berlin zum ersten Mal in Cottbus. Sie arbeiten mit den jungen Leuten zum dritten Mal zusammen. Es scheint beiden Seiten Spaß zu machen.

Das stimmt. Und die Arbeit hat sich immer gelohnt. Ich lasse die jungen Leute in den Proben singen und tanzen, weil ich den Eindruck habe, sie sind in ein Korsett geschnürt. Begabt sind alle, aber sie müssen sich trauen. Das ist anstrengend, macht aber Spaß.

Haben Sie schon besondere Talente entdeckt?

Wir haben eine außergewöhnlich gute Horngruppe. Letztes Mal hatte ich einen sehr begabten Klarinettisten, der spielt jetzt im Orchester der Deutschen Oper Berlin. Aber die sind eigentlich alle unheimlich begabt und das nicht nur auf einem Instrument. Vor allem sind sie voller Enthusiasmus.

Wie ist das eigentlich, mit Amateuren zu arbeiten, wenn man Profis gewöhnt ist?

Das ist ganz anders. Ich rede, erkläre viel mehr. Ich muss nur umschalten, wenn ich zu meinem Orchester zurückkomme, die wundern sich sonst.

Im Sommer haben Sie bei den Salzburger Festspielen dirigiert. Was war das für eine Erfahrung?

Das war der Wahnsinn. Ich war noch nie in meinem Leben so nervös. Das Klangforum Wien ist eins der besten Ensembles für Neue Musik und der Komponist Salvatore Sciarrino stand vom zweiten Probentag an hinter meinem Rücken. Glücklicherweise kenne ich ihn sehr gut. Trotzdem, ich hatte das Notenbuch mit in den Ferien in den USA, und ich bin eine Woche früher zurückgekommen, um mich intensiv mit dem Stück zu befassen. Obwohl ich es vor fünf Jahren mehrfach dirigiert habe. Das Publikum war begeistert und für mich war es eine tolle Erfahrung, die ich ja auch mitbringe nach Cottbus.

Sie beginnen jetzt Ihre vierte Spielzeit am Staatstheater, haben viel erreicht. Bleibt noch genug, was Sie in Cottbus hält?

Ja. Ich fühle mich hier wohl und kann jetzt richtig genießen, was wir erarbeitet haben. Das Orchester und ich hatten Höhen und Tiefen, es war nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Jetzt haben wir ein Niveau erreicht, wo es, glaube ich, allen Spaß macht. Wir haben gerade eine John-Williams-CD rausgebracht. Ich habe noch weiter Ideen für solche Aufnahmen. Was mich an Cottbus und diesem Ensemble hält: Ich musiziere gerne. Solange ich das Gefühl habe, musizieren zu können, wie ich es möchte - und das kann ich mit diesem Orchester - ist es egal, wo ich bin.

Beim Theatertreff hatten Sie beklagt, keine Freundin zu haben. Gibt es Neuigkeiten?

(Er schmunzelt.) Leider nicht. Aber es liegt auch an mir: Ich bin sehr wählerisch, und die Musik kommt immer an erster Stelle. Die Richtige zu finden, ist nicht leicht.

Mit Evan Christ

sprach Renate Marschall

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Konzert-Programm8. Oktober, 19.30 Uhr, Großes Haus, Landesjugendorchester Berlin unter Evan Christ:Peter Tschaikowskis Fantasie-Ouvertüre aus "Romeo und Julia", Georg Katzer "An Louise", Franz Liszt "Les Préludes". Solist ist Thomas Leyendecker von den Berliner Philharmonikern. Karten für 13 Euro (ermäßigt 9 Euro): Ticket-Telefon 0355/78 24 24 24.