Cottbus. Schon rein äußerlich ist sie eine tolle Carmen: langes schwarzes Haar, schlank, hübsch, jung - eine Frau, der man die Verführerin abnimmt, auch wenn sie selbst eher bodenständig ist, eine moderne junge Frau, auf ganz andere Weise emanzipiert als die Tabakarbeiterin Carmen am Ende des 19. Jahrhunderts.

Marlene Lichtenberg liebt diese Rolle. "Carmen ist eine der facettenreichsten Frauengestalten der Opernliteratur überhaupt", sagt sie. "Grandios komponiert. Von Anfang an stellt Bizet klar, dass diese Frau anders ist: sinnlich, undurchschaubar, frech, unabhängig. Stimmlich wie gestalterisch kann man viel zeigen", weiß die Sängerin, die die Partie 2010 bereits am Opernhaus in Liberec gesungen hat.

Gut vorstellbar, dass diese Carmen nicht ins gängige Frauenbild des 19. Jahrhunderts passte - ein duldsames Weibchen ist sie nicht. Ganz im Gegenteil: Sie ist ein ziemlich verruchtes Biest, jenseits jeder bürgerlichen Moral - selbst nach heutigen Maßstäben. Wohl auch deshalb wurde die Oper bei ihrer Uraufführung in März 1875 in Paris nicht besonders freundlich aufgenommen. Ihren Siegeszug begann sie Monate später in Wien. George Bizet erlebte das nicht mehr, er war im Juni 1875 im Alter von 36 Jahren gestorben, dem Vernehmen nach auch infolge des Probenstresses und des Ärgers über den Misserfolg. "Dabei hat er ein so geniales Werk geschrieben." Marlene Lichtenberg gerät ins Schwärmen: "Von der ersten bis zur letzten Note stimmt hier alles. Die Karten-Arie ist für mich die wichtigste, sie hat eine Schlüsselfunktion. Pianissimo beginnend, steigert sie sich bis zum Schluss - man hört, wie das Rad der Zeit sich dreht. Wie der Herzschlag, der Lebensrhythmus, pulsiert die Musik, in der Carmens Ende bereits vorweggenommen wird."

Dabei könnte man glauben, dieser Frau kann nichts und niemand etwas anhaben - mit ihrer scharfen Zunge metzelt sie jeden Widersacher nieder. Schnell ist sie für den einen entbrannt und dann für den anderen. "Die Liebe ist ein wilder Vogel, den kein Mensch jemals zähmen kann. . .", singt sie in der berühmten Habanera. Frei wie ein Vogel, so will auch sie sein. Für die Männer, die versuchen, sie zu besitzen, geht das übel aus.

Bizets Oper basiert auf Prosper Mérimées 1845 erschienener gleichnamiger Novelle, die für Marlene Lichtenberg ein Fundus für das Verständnis ihrer Figur ist. Um auch die Atmosphäre in sich aufzunehmen, in der Carmen den Männern reihenweise den Kopf verdrehte, verbrachte die Sängerin diesen Sommer am Ort des Geschehens, in Sevilla. "Wenn man Andalusien bereist", erinnert sich Marlene Lichtenberg, "spürt man die Kraft der Gegensätze, die sich auch in Carmen spiegeln."

Marlene Lichtenberg kann dieses Gefühl gut in sich aufnehmen, auch sie hat eine starke Bindung zu ihrer Heimat. Sie ist in einem kleinen Dorf in den Südtiroler Bergen geboren und hat dort mit 18, 19 Jahren den Kirchenchor geleitet. "Vielleicht mache ich das irgendwann wieder" sagt sie und fast kommt etwas Träumerisches in den Blick der Sängerin, die von Experten als eine der großen Hoffnungen im Dramatischen Fach bezeichnet wird. Auch wenn sie immer gern gesungen hat, dass sei einmal auf einer Opernbühne stehen würde, war außerhalb ihrer Vorstellungskraft. "Mein Vater war ein leidenschaftlicher Musikant und auch wir Kinder mussten natürlich ein Instrument lernen. Meine Schwester Ziehharmonika und ich Hackbrett, typische Tiroler Instrumente. In einer Oper war ich mit 18 das erste Mal - bei einer Matura Reise nach Prag" erzählt sie. Grundschullehrerin hat Marlene Lichtenberg studiert. Wie sie dann doch Sängerin wurde, ist eine filmreife Geschichte: Mit dem Chor des Nachbardorfes war ein gemeinsames Konzert geplant. Der Berliner Dirigent Fritz Weisse, der dort ein Ferienhaus besaß, bereitete den dortigen Chor darauf vor. Als er Marlene Lichtenberg singen hörte, sagte er: "Mensch, Sie haben ja Stimme, gehen Sie studieren!" Das tat sie. Seither hat sie viele internationale Erfahrungen gesammelt, in Turin, Bozen, Pisa und Ravenna. Bei den Opernfestspielen Bad Hersfeld wurde sie für ihre Darstellung der Fenena (Nabucco) ausgezeichnet, in Cottbus mit dem Max Grünebaum Preis.

Seit September 2010 gehört die Sängerin zum festen Ensemble des Staatstheaters Cottbus. Sie hat hier in Wagners "Ring" die Erda und die Waltraute gesungen, die Alisa in "Lucia di Lammermoor", die Amneris in "Aida". Sie ist noch auf dem Weg zu den großen dramatischen Partien. "Das hängt ja immer davon ab, welche Angebote man bekommt", sagt sie. Die Eboli in "Don Carlos" wäre sie gerne oder die Dalila in "Samson und Dalila", die Brangäne in "Tristan und Isolde".