Was ist an Puppen so lustig„ Sie können nicht richtig greifen, nicht trinken, nicht die Miene verziehen . . . Gut, manche haben zumindest einen beweglichen Kiefer, Marionetten sind sogar in der Lage, mit den Beinchen zu zappeln, während an ihren Kollegen, den Handpuppen, die unteren Extremitäten schlaff und nutzlos herabhängen. Letztlich aber sind alle Puppen Grobmotoriker. Auch im Geiste. Die meisten Puppen sind belämmert, borniert und simpel gestrickt. Typen wie der Kasper haben außer „Knüppel aus dem Sack und immer feste druff“ intellektuell und emotional nicht viel zu bieten.
Aber während wir über menschliche Unzulänglichkeiten oft anstandshalber (und über die Dummheit menschlicher Brutalos vorsichtshalber) nicht lachen, dürfen wir uns bei den Puppen schadlos halten. An ihnen erkennen wir unsere eigenen Grenzen, Missgeschicke und Tölpeleien. Im wahren Leben sind diese Dinge oft zu ernst, um sich darüber zu amüsieren, vor der Puppenbühne dürfen wir befreit lachen.
Die drei Stücke, die am Samstagabend in Bad Liebenwerda beim 9. Internationalen Festival des Puppentheaters aufgeführt worden sind, offenbaren den Facettenreichtum dieser traditionellen Kunst.
Heike Klockmeier vom Ambrella Theater Hamburg, eine gebürtige Sächsin, entführt in „Heute: Genoveva“ in die Welt der fahrenden sächsischen Puppenspieler des 19. Jahrhunderts. Dabei hantiert sie mit allerlei vertrackten Apparaturen, zaubert - ähnlich dem Prinzip der russischen Matrjoschkas - immer kleinere Bühnen hervor. Dementsprechend wechselt die Größe ihrer Akteure. Von Handpuppen, den „Proletariern des Puppenspiels“ , bis zu ausgeklügelten Trickmarionetten reicht die Palette.
Zudem weiht die Puppenspielerin ihr Publikum in die Geheimnisse des „Bühnensächsisch“ ein, eine Spezialsprache, die entstanden sei, als Sachsen versuchten, den hohen Ton des Theaters und dessen genaue Artikulation zu treffen. Das Sächsische hat ja auch so seine Eigenheiten: Wenn's tragisch werden soll, klingt's grotesk: „Isch bitte disch, fliehe misch“ , heißt es dann etwa.
Probleme mit der Tragödie haben auch die Puppen. Kasper als Hamlet - das artet in eine plumpe Messerstecherei aus - von Heike Klockmeier allerdings anmutig ausgeführt.
Etwas anderes versucht Conny Fritzsche aus Dresden. Statt mit den Stereotypen des Puppentheaters zu spielen, entwickelt sie in einem großartigen Monolog den individuellen Charakter ihrer Handpuppe „Ursula von Rättin“ . Die Ratte, eine sarkastisch-sentimentale Theaterdiva, singt Chansons und plaudert über die Höhen und Tiefen ihres Lebens. Hochnäsig reckt sie die Schnauze in die Luft, weist mit einer wegwerfenden Kopfbewegung auf ihre menschliche „Animateurin“ hin, schlägt sich mit einer dramatischen Geste die Hand vor die Augen.
Natürlich erzeugen solche Posen ebenfalls Komik statt Drama. Das größte Leid der Puppe, die mal grummelt, mal näselt, mal raunzt: ihre Geschlechtsumwandlung. Die Animateurin hat den ursprünglichen Rattenmann in Frauenkleider gesteckt und „umgepolt“ .
Bei den „Deutschen Balladen III“ des Felgentreu-Grünmeffert-Theaters aus Potsdam schließlich verschmelzen gewöhnliches Schau- und Puppenspiel. Während eine verdruckste Lehrerin über Poesie doziert, entert ihre Mutter (ein Darsteller mit übergestülptem Puppenkopf) die Bühne. Die renitente Seniorin mit Rollstuhl und Krückstock schlägt fast das Museum nebst Publikum kurz und klein. Geistig ist die alte Dame nicht ganz auf der Höhe: „Wer sind denn die Leute“ Das ist ja furchtbar!“ , wiederholt sie immer wieder. Altersstarrsinn und Demenz als Komik, diesmal deutlich von Loriot inspiriert.
Das 9. Internationale Puppentheaterfestival im Elbe-Elster-Land findet an verschiedenen Veranstaltungsorten noch zum 22. September statt.
Weitere Auskünfte gibt das Kulturamt Elbe-Elster
unter Telefon: 03535-465104.