Frau Gielen, die Lausitzer Künstler E.R.N.A., C. G. Große, Paul Böckelmann und Eckhard Böttger haben die SPD als Geizkragen bloßgestellt, vorher allerdings gar nicht über die gewünschte Vergütung verhandelt. Was halten Sie von dieser Aktion?

Ich will das Vorgehen der vier Beteiligten nicht verurteilen. Ihre drastische Maßnahme führt zumindest dazu, dass die verbreitete Armut unter Künstlern mediale Aufmerksamkeit erfährt.

Der BVBK und sein nationaler Dachverband fordern, dass Kunstausstellungen grundsätzlich honoriert werden. Warum?

Eine Kunstausstellung ist eine aufwendige Dienstleistung – die Produktion der Kunstwerke und die Vorbereitung ihrer Präsentation sind anspruchsvolle Tätigkeiten. Sie verlangen nach Anerkennung. Denn umgekehrt gilt: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Es gibt aber noch weitere Gründe für unsere Forderung: Nur die oberste Creme der hauptberuflichen bildenden Künstler kann ausschließlich vom Verkauf ihrer Werke leben. Die meisten sind auf Zuverdienste angewiesen – etwa über Lehrtätigkeiten. Ausstellungshonorare wären eine wichtige Ergänzung. Zudem würde durch sie der qualitative Unterschied zwischen Profi- und Hobby-Kunst klargestellt.

Wie wollen Sie solche Honorare durchsetzen?

Auf rechtlichem Wege ist das schwer möglich – schließlich gilt die Vertragsfreiheit. Aber wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass ausstellenden Künstlern finanzielle Vergütung gebührt. Viele öffentliche Auftraggeber, etwa das brandenburgische Kulturministerium, handeln ja auch dementsprechend.

Wie hoch sollte diese Vergütung Ihrer Meinung nach sein?

Das hängt von Art und Umfang einer Ausstellung ab, lässt sich also nur am Einzelfall festmachen. Neben – zumindest einem kleinen – Honorar sollen Transport- und Materialkosten sowie der organisatorische Aufwand der Künstler abgegolten werden.

Besteht nicht die Gefahr, dass manche Auftraggeber dann auf Ausstellungen lieber verzichten, wenn das Geld knapp ist?

Ich vertrete den idealistischen Standpunkt, dass unsere Gesellschaft auch in Krisenzeiten geistiges Guthaben in Form von Kunst haben muss. In vielen Fällen werden Ausstellungen ja nicht von privaten Auftraggebern, sondern von der Öffentlichkeit finanziert.

Die SPD-Landtagsfraktion hat die fehlende finanzielle Vergütung im aktuellen Fall mit dem Hinweis verteidigt, dass sie den Künstlern ihre Räumlichkeiten als Vermarktungsbühne, also quasi als geldwerten Vorteil, zur Verfügung gestellt habe. Was erwidern Sie auf diese Argumentation?

Ausstellungen bei Parteien – ebenso auch in Hotels oder Arztpraxen – bringen den Künstlern sehr wenig. Das sind nicht die Räume, in denen ein Besucher über Kunstkäufe nachdenkt. Allenfalls kommt es in der Folge mal zu einem Verkauf. Der Auftraggeber schmückt sich hier unentgeltlich mit der Kunst.

Wir haben noch nicht über Qualitätsfragen gesprochen. Ich stelle mal provokativ eine Behauptung in den Raum: Wirklich gute Kunst findet wie andere wirtschaftliche Güter auch von selbst ihre Liebhaber und Käufer. Sie braucht keine Fürsorgemaßnahmen.

Nein, dem widerspreche ich. Die Qualität von Kultur und Kunst ist in finanzieller Form nicht messbar. Die Marktgesetze funktionieren hier nicht. Aus diesem Grund wird zum Beispiel auch das Theater subventioniert.

Aber braucht Brandenburg tatsächlich 500 Künstler? So viele arbeiten hier nach Schätzung Ihres Verbandes. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen den kulturell wichtigen Künstlern und denjenigen, die sich besser einen anderen Beruf suchen sollten, wenn sie von ihrem Werk kaum leben können?

Alle unsere rund 270 Verbandsmitglieder haben erfolgreich ein Kunststudium absolviert. Das gewährleistet einen Qualitätsstandard, auch wenn nicht alle diese Künstler gleichrangig sind.

Welche Existenzsicherungsstrategie empfehlen Sie Künstlern?

Erstens sollten Künstler sich nicht scheuen, angemessene Honorare zu fordern. Und zweitens: Sie müssen zahlreiche – möglichst internationale – Kontakte pflegen. Da nicht jeder von einer Galerie vertreten werden kann, ist das Internet ein wichtiges Forum, um Werke international zu präsentieren. Früher war ich, was das Potenzial des Netzes betrifft, selbst skeptisch. Aber inzwischen habe ich eine gut gemachte Internetseite. Über sie erhalte ich Anfragen aus aller Welt.

Mit Marianne Gielen

sprach Felix Krömer