Glücklicherweise ist die neue Vorstellungsreihe, die am Wochenende mit "Minna # Lessing" sowie "Danton # Büchner" in der Kammerbühne startete, nicht gar so derb und fantasielos in Szene gesetzt worden, wie sie in der Ankündigung benannt ist. Obwohl es auch kein - zumindest im konkreten Falle - gar zu genialer Einfall scheint, das Ganze ab und an wie bei der Premiere im Doppelpack aufführen zu wollen. Die im Text zusammengestauchten Stücke verlieren an Substanz. Streichungen sind zwar zuweilen unvermeidbar, aber bei Lessing sollte man sich das gut überlegen. Sonst mangelt es den frisch und frei gehandhabten Kompositionen an Konsistenz, und wer mag sich schon ein zusammengefallenes Soufflé anschauen?Dennoch wäre es ungerecht, Lessings "Minna von Barnhelm" in der Inszenierung von Angelika Zacek bedenkenlos "in die Pfanne zu hauen". Speziell die Art der Regisseurin, wie sie die Geschichte bewegt erzählt, auf Körpersprache achtet, schlüssige Bilder findet, lässt Langeweile gar nicht erst aufkommen. Und da steckt man auch halbwegs weg, dass dem Stück einige gedankliche Facetten abhanden gekommen sind. Besonders die konsequent durchgehaltene Idee des Geldregens in diversen Abstufungen (Bühne und Videos: Mathias Rümmler) nutzt sich auf Dauer ab, ist als ständiger "Bühnenkommentar" eher lästig denn hilfreich. Zumal da dramaturgisch im Kontext einiges durcheinander purzelt, während beispielsweise in der genauen Arbeit mit den Darstellern deutlich mehr möglich gewesen wäre.Johanna Emil Fülle in der Rolle der Franziska und Roland Schroll als Paul Werner sowie als alle überwachender, virtuell anwesender Wirt lassen kaum etwas zu wünschen übrig - sie jonglieren gekonnt mit dem Soufflé, bringen es so herüber, dass auch Ungesagtes sichtbar wird. Problematisch ist eher, wie Angelika Zacek mit der so erfahrenen Schauspielerin Susann Thiede umgeht. Als Minna von Barnhelm scheint diese zu Beginn fast sich selbst überlassen, und es brauchte einige Zeit, bis sie all ihre Vorzüge ausspielen kann, Präsenz und Prägnanz bekommt, wie sie ihr auch zustehen und mit denen sie das Spiel letztlich lenkt und gewinnt. Gunnar Golkowski als Major von Tellheim spielt die Extreme seiner Befindlichkeiten glaubwürdig, doch es fehlen noch Differenzierungen. Vielleicht ein Defizit der Inszenierung? Andererseits vermag die junge Regisseurin mit etwas mehr Feinschliff, Tiefgang, auch Stringenz offenbar gutes Theater zu machen.Bei "Dantons Tod" von Georg Büchner ist mit Ingo Putz ein junger Regisseur am Werke, der seine Theaterwurzeln in Oldenburg hat. Er entwirft - wiederum ist Mathias Rümmler zuständig für Bühne und Videos sowie Mirjam Henriette Benkner für die Kostüme - eine auf fünf Darsteller beschränkte, mit wenigen Mitteln veränderbare Szenerie, die sich am TV-vertrauten Bild der Kochstudios orientiert und mit marktschreierischer Anmache die um ihre Macht Buhlenden auf den Laufsteg, zum Zuschauer-Volk schickt. Das ist mit einem makabren Suppenobjektspiel per Video gekontert, passend zum Rezept vom "Hähnchen aus dem Topf". Offenbar hat sich Ingo Putz in seiner Erzählweise auch von Büchners Briefzeile vom März 1834 an seine Braut anregen lassen, wo dieser vom "Gräßlichen Fatalismus der Geschichte" spricht: "Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel. . ." Die historischen Konfrontationen im Stück sind weitgehend reduziert auf Haltungen und Positionen speziell von Danton (Michael Becker) und Robespierre (Oliver Seidel), und von den vielen Frauen um Danton bleibt seine Gattin Julie (Anja Jacobsen) übrig, die sich in nackter Offenbarung dem Genussmenschen hingibt.Der Regisseur haut, was sein Name verspricht, ganz gewaltig auf den Putz, und manchmal, wenn man es in aller Nacktheit, Direktheit kaum noch aushält, sich Vordergründiges mit Naivem mischt, dann bricht er das Chaos überraschend auch wieder. Mit dem gelassenen, menschlichen Ton, in dem Michael Becker seinen Danton, der das Morden satt hat, über das Dasein - damals wie heute - philosophieren lässt. Oder mit Büchners Worten klagt: "Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?" Gerade noch rechtzeitig kriegt Ingo Putz immer wieder die Kurve, setzt Akzente mit Gedanken, die nah an uns heranrücken, probiert Spielweisen aus. Da bleibt auch was, selbst, wenn die Geschichte ausgedünnt ist, wird ab und an ein Achtungszeichen gesetzt. Schwachstelle ist erneut zu wenig Differenziertheit im Schauspielerischen, und Michael Becker scheint da fast ein Selbstläufer zu sein. Doch Zulassen ist auch eine Regiequalität. Und erfreulich ebenso, dass wir "Die Jungen" erleben, wie wild sie auch immer sein mögen.