„Voller Leben“ ist eine Auswahl von Werken der Malerei, von Arbeiten auf Papier, von Fotografien und Plastiken aus den Beständen des Museums. Überraschend ist, was sich an noch nie gezeigten oder wenig ausgestellten Werken von durchaus beachtenswerter Qualität in den Depots befindet. Das sind keineswegs nur Provinzgrößen, sondern, wenn auch beschränkt auf die Sammlungsmöglichkeiten vor der Wende, Namen wie Otto Griebel, Willi Sitte oder Johannes Heisig. Eine kostbare wie inhaltlich köstliche Rarität ist – um nur ein Beispiel zu nennen – Griebels kolorierte Zeichnung vom „Menschlichem Jubiläum“ (1923). Eine unbedingte Überraschung ist das großformatige, in einer Violettskala pulsierende und in seiner Abstraktion ganz Musik gewordene Gemälde „Live im Keller“ (1984) von Johannes Heisig. Wer den Vater Bernhard Heisig sucht, muss auf die Ausstellung im Juli warten.

In mehreren Räumen

„Voller Leben“ verteilt sich über mehrere Räume des Hauses und gliedert sich in vier Werkgruppen „Voller Leben in Farbe, im Stillen, in persona, mittendrin“ mit knapp hundert Werken, konzentriert auf die Räume im Schalthaus. Die Präsentation einer Auswahl von großformatigen Gemälden im ersten Raum des Maschinenhauses schlägt eine Brücke zu jüngeren Erwerbungen. Gegen Cornelia Schleimes Jagdhund-Szenerie von 2007 kann sich letztlich jedoch keine der anderen Arbeiten behaupten.

Große Vielfalt

Überraschend ist die Vielfalt der begleitenden Veranstaltungen, die vom lyrisch-theatralen Lichtspiel über thematisch akzentuierte Führungen bis zur Pantomime reichen. Das ist schon kein bloßes Begleitprogramm, sondern ein Neugier, Interesse und Freude an künstlerischen Erlebnissen weckendes integratives. Hier zahlt sich aus, dass auch die Museumspädagogik entscheidend an der Auswahl beteiligt war. Immerhin bringt die Museumspädagogik gut ein Drittel aller Besucher. Am sichtbarsten wird dieser museumspädagogische Aspekt durch die sich in allen Räumen anbietenden, in den Rezeptionsebenen unterschiedlichsten Vergleichsmöglichkeiten.

Geradezu furios voll pulsierenden Lebens in der Werkauswahl zeigt sich der hohe Raum im Schalthaus, der auch die Chance bietet, zwei Papierrollos zu hängen. Darunter treffen sich Harald K. Schulze mit seinem prononciert figurativen „Straßenbild“ von 1991 mit A. R. Pencks „Nachtschattenschicht“ von 1990, ein auf rotdunklem Grund aus Penckschen Zeichen gebautes Bild. Dritter im Bunde ist Johannes Heisig mit seinem schon erwähnten „Live im Keller“, knapp zehn Jahre älter als die beiden Partner und dennoch von vitaler Modernität im unausschöpfbaren Spannungsfeld von Figuration und Abstraktion. Der Funke zum Betrachter springt über, wo Leben in der Individualität künstlerischer Form pulsiert. Das ließe sich an vielen Beispielen fortsetzen.

Stiller wird es im Kabinett mit einer Reihe von Arbeiten, die man unter dem Thema „Frau als Motiv in der Malerei“ betrachten könnte. Aufgereiht zwischen zwei so konträren Arbeiten wie dem tief bewegenden – auch ein Depotfund – Altfrauenporträt der „Frau Kleist“ (1980) mit dem Untertitel „Frau, zwei Weltkriege alt“ von Joachim Völkner und der in runder Fülle prangenden „Judith“ (1984) von Peter Makolies (rückwärtige Ansicht nicht übersehen!) hängen stille wie auch motivisch bewegtere Kabinettstücke von Volker Stelzmann, Carl Marx, Günter Rechn und ein, vom Motiv her vertrautes Strandtriptychon (1974) von Hans Vent. Jede Erwähnung einzelner Künstler und Werke gebiert das schlechte Gewissen, gleichermaßen Erwähnenswertes aus Platzgründen weglassen zu müssen. Das betrifft ganz besonders die Fotografie.

Fest sinnlicher Freude

Die Ausstellung ist ein Fest sinnlicher Erfahrung und Freude, aber auch des Nachdenkens in einem weit gespannten, kreativen Feld überwiegend ostdeutscher Künstler, die mit ihren Mitteln und Möglichkeiten Leben ergründeten und hinterfragten. Wie sie sogar – bei aller Skepsis – halfen, Ausweglosigkeit zu artikulieren und persönlich Haltungen der unabdinglichen Veränderung zu inspirieren, sollte eine, in dieser Ausstellung zwar nicht explizit genannte, aber durchaus berechtigte Frage im zwanzigsten Jahr des Mauerfalls sein.

Bis 1. Juni 2009, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr