Lebhaft erinnert sich Gisela Gräning noch an ihre Kindheit, als das Zeichnen eine ihrer liebsten Beschäftigungen war. Später wurde es zum Berufswunsch, künstlerisch zu arbeiten. Doch den wohlmeinenden Eltern war das eine zu unsichere Sache. So wurde die 1951 in Kiel geborene und mit ihren Eltern in Hamburg lebende Gisela technische Assistentin. In der Abendschule holte sie ihr Abitur nach, um studieren zu können. Vielleicht könnte das ein Weg zur Kunst sein. Doch um des häuslichen Friedens willen, wie sie einmal in einem Interview sagte, studierte sie in Hamburg Biologie und promovierte. Mikrobiologie war ihr Fachgebiet. Unversehens war sie in künstlerischen Bereichen. Denn was sie beim Mikroskopieren entdeckte, waren immer wieder faszinierende Welten von Formen. Alles Lebendige hat Form. Kunst ist Form. "Ich bin in die Welt des Mikrokosmos eingetaucht und in den Bann von Strukturen und Oberflächen geraten", schreibt sie in einer ihrer biografischen Notizen.

Eine bessere elementare Ausbildung künstlerischen Entdeckens und Gestaltens hätte ihr kaum eine Kunsthochschule geben können. Auf dieser Grundlage entwickelte sich ihre vielseitige künstlerische Arbeit. Zur vollen Entfaltung kam sie nach Umzug der Familie vor 15 Jahren in die Nähe von Berlin in das brandenburgische Eichwalde. Schon Jahre zuvor hatte sie sich allerdings schon intensiv mit Weben beschäftigt.

Wieder begann eine Zeit ungewohnter Entdeckungen. Gisela Gräning erlebte die Tagebaulandschaften in der Lausitz. Zur Erfahrungswelt des Mikrokosmos kam die überwältigende Wirkung des Makrokosmos. Die Gegensätze könnten nicht größer sein. Dennoch gibt es Bezüge in den Grundelementen der Formen von den Strukturen bis zur Farbigkeit.

Das ist das Thema der Cottbuser Ausstellung in dem weiträumigen Foyer des Verwaltungsgebäudes von Vattenfall. Gut ein halbes Hundert Arbeiten unterschiedlichster Formate und Techniken umfasst die Präsentation. Immer wieder ist es die Fotografie, die die bildnerischen Bausteine ihrer Foto-Grafik und Collagen sind. "Es sind Pigmentdrucke auf Leinwand oder Papier, bearbeitet mit Zeichnungen, Chinapapier, Tinte, Tusche, Ölkreiden oder Acrylfarben", erläutert sie ihre Arbeiten.

Die Ausstellung setzt auf Vielseitigkeit der Motive. Beeindruckend sind gerade jene Arbeiten, wo die Tagebau-Erlebnisse mit ihren strengen Strukturen technischer Geräte, eingebettet in abstraktes Formengefüge, Bildgestalt finden. Sie bieten Raum für Assoziationen, die durch die in Formfragmenten erfassten Spuren menschlicher Arbeit nicht ins Unverbindliche abgleiten. Ins Bild geschriebene Begriffe bleiben fragwürdig. Je konzentrierter das Formgefüge, umso prägnanter der künstlerische Ausdruck. Diese spannungsvolle Kombination von Technischem und Organischem, von Konkretem und Abstraktem machen die Originalität der Gräningschen Arbeiten aus. Es ist keine gesuchte, es ist eine erfahrene Abstraktion. Eine besondere künstlerische Delikatesse sind die kleinformatigen grafischen Studien, ein minutiöses Spiel auf der Klaviatur grafischer Gestaltungselemente.

"Sehnsuchtsorte" nennt Gisela Gräning ihre Cottbuser Ausstellung. Michael von Bronk, Vorstandsmitglied bei Vattenfall Europe Mining und Generation AG, sprach bei der Eröffnung von "Schicht um Schicht", die die Arbeiten der Ausstellung in unterschiedlichem Bezug freilegen. Für den Besucher erscheint das zugänglicher als die wundersamen "Sehnsuchtsorte".

Zum Thema:
Geboren 1951 in Kiel, studierte Gisela Gräning in Hamburg Biologie. Sie promovierte und arbeitete als Mikrobiologin. Künstlerisch seit ihrer frühesten Jugend ambitioniert, wandte sie sich dem Fotografieren und Weben zu. Seit 1999 lebt und arbeitet sie mit Familie in Eichwalde bei Berlin. Hier entstanden in den letzten Jahren vor allem Foto-Grafiken und Collagen. Seit 1990 hat sie bis zu sechs Ausstellungen jährlich von Hamburg bis Toulouse, von Potsdam bis Izmir. Sie ist Mitglied des Brandenburgischen Künstlerverbandes.