Das Zimmer, in dem ihre Brunetti-Krimis entstehen, liegt im vierten Stock, auf dem Schreibtisch steht ein Notebook, in den Regalen ein paar Ordner mit Zeitungsartikeln und Notizen.
"Schreiben ist für mich keine Arbeit, sondern Amüsement", sagte die Amerikanerin einmal über sich selbst. Vor allem die Deutschen lieben ihre Krimis aus der Lagunenstadt. Heute wird Donna Leon 65 Jahre alt - ihren sympathischen Commissario Brunetti will sie dennoch weiter auf Fahndung schicken.
"Ich wollte mir nur beweisen, das ich ein Buch schreiben kann", sagte die grauhaarige Frau einmal über sich selbst. Das Ergebnis hieß "Das Venezianische Finale", es handelte über einen Mord an der La-Fenice-Oper in Venedig. In Amerika war es ein Flop, die deutsche Ausgabe von 1993 aber wurde ein Bombenerfolg. Seitdem zählt ihre deutsche Fangemeinde Millionen, kaum ein Buch, das nicht in den Bestsellerlisten landet, mehrere Bände wurden verfilmt. Die Deutschen lieben Venedig - doch eine Erklärung für Donna Leons Erfolg ist das nicht.
Zufällig wie zur Schriftstellerei kam die Amerikanerin aus dem US-Bundesstaat New Jersey nach Venedig. Nach dem Studium unterrichtete sie Englisch und englische Literatur, unter anderem an amerikanischen Schulen in China und im Iran. Zeitweise war sie an einer Außenstelle der Universität Maryland auf der US-Militärbasis Vicenza tätig. Dann entdeckte sie die Lagunenstadt. Seit 20 Jahren wohnt sie in Venedig. "In Italien zu leben ist tatsächlich so, als lebte man in einer Oper."
Es ist das Ambiente, die Stimmung der Lagunenstadt, das Drumherum, das den Flair ihrer Bücher ausmacht, es ist der sanfte Commissario, samt sympathischem Familienanhang, der die Leser gefangen hält - die Krimiplots sind dagegen häufiger erstaunlich wenig originell. Und vor allem, in aller Regel, ziemlich gewaltfrei. "Ich mag keine Gewalt, ich kann nicht diesen amerikanischen blutrünstigen Stoff lesen", entfuhr es Donna Leon einmal.
Der Kommissar ist ein sensibler Mann, alles andere als ein Macho-Fahnder. "Spinnfäden - seine Neugier musste so leicht und luftig sein wie Spinnfäden, seine Fragen mussten so behutsam tasten wie die Schnurrhaare einer Katze", spricht er etwa in "Sanft entschlafen" (1998) zu sich selbst. Spricht so ein Polizist? Eher ein Künstler. "Ich nehme an, es gibt viele Männer wie Brunetti", meint die Autorin. Gerade das macht ihn so liebenswert. Der Fahnder in Zivil, der so gar nichts Polizeiliches an sich hat, liebt gutes Essen, hat leichte Figurprobleme, aber vor allem liebt er seine Stadt und seine Frau Paola. Die wiederum kocht wunderbare Pasta - und hat darüber hinaus über Henry James promoviert.
Dann ist da noch dieser leidige Vorgesetzte namens Giuseppe Patta, der aus Sizilien nach Venedig kam, auf der Terrasse des Gritti-Hotels oder im Café Florian am Markusplatz das Leben genießt - und ansonsten dem braven Commissario das Leben schwer macht. "Selbst im Land der gut aussehenden Männer war Patta ein auffallend gut aussehender Mann. Er hatte ein gemeißeltes Römerprofil", heißt es von ihm. Das Einzige, was Kritiker Donna Leon mitunter vorwerfen ist, dass es allzu klischeehaft in ihren Romanen dahergeht - doch wohl auch das lieben ihre Fans. Bis heute weigert sich die Amerikanerin strikt, ihre Bücher ins Italienische übersetzen zu lassen. "Ich will nicht, dass man glaubt, ich maße mir an, über mein Gastland zu urteilen", sagt sie.