Wie kommt einer aus Bielefeld zu einem Regiegastspiel in Cottbus. Lassen Sie raten. Eine Station in Ihrer Biografie ist identisch mit einer in der des Cottbuser Schauspieldirektors Mario Holetzeck . . .

Das ist richtig. Wir haben beide in Hamburg in der Regieschule bei Jürgen Flimm und Manfred Brauneck studiert. Danach haben sich unsere Wege zunächst entfernt. Ich bin jetzt in der zweiten Spielzeit Oberspielleiter Schauspiel in Bielefeld. Im vergangenen Jahr sah sich Mario Holetzeck meine „Maria Stuart“-Inszenierung dort an. Sie wird ihm wohl gefallen haben; denn einige Tage später fragte er an, ob ich nicht Ibsens „Volksfeind“ in Cottbus inszenieren wolle.

Es ist nicht Ihr erster Ibsen.

Vor vier Jahren habe ich „Die Wildente“ im Staatsschauspiel Dresden auf die Bühne gebracht.

Können Sie etwas über Ihre Wiege und Ihre Wege sagen?

Meine Wiege stand 1966 in Nesselwang/Allgäu. Meine Wege führten mich nach Essen und Hamburg, wo ich aufgewachsen bin. Nach dem Regie-Studium in der Alsterstadt und den ersten Jahren als Regieassistent bei Flimm zog ich freischaffend durch die Lande.

Wo machten Sie Station?

Ich inszenierte unter anderen in Solothurn (Schweiz), Paderborn, Bochum, Dresden, Leipzig. Zürich, Oberhausen und mehrmals in Bielefeld. Da ich dort des Öfteren vorbeisah, wurde ich dort schließlich 2007 Oberspielleiter.

Gibt es Inszenierungen, die Sie geprägt haben?

„Antigone“ in Solothurn, „Don Karlos“ und „Maria Stuart“ in Bielefeld. Außerdem habe ich eine Neigung zu modernen amerikanischen Stücken, zum Beispiel von Neil LaBute, dessen „maß der dinge“ ich in Dresden inszeniert habe. Erfahrungen mit diesem besonderen Realismus haben mich auf den originären, besonderen Ibsen gestoßen.

Was hat der Norweger Henrik Ibsen, der von 1828 bis 1906 gelebt und 1882 „Ein Volksfeind“ geschrieben hat, Besonderes an sich?

Ibsen pflegt einen sehr verknappten, stilisierten Realismus. Da ist alles, was nicht unmittelbar zur Handlung beiträgt, abgespeckt. Er mutet uns keine überflüssigen Psychologismen zu.

Können Sie uns kurz, etwa in Zehntellänge vom Schauspielführer, etwas zum Inhalt von „Ein Volksfeind“ sagen?

Eine kleine Stadt hat sich zum Badeort gemausert, dank ihrem Badearzt Dr. Tomas Stockmann. Dessen Bruder Peter, der Bürgermeister, sieht den Ort schon als Goldgrube. Das Gold bringen Touristen, neue Arbeitsplätze, Immobilien. Da stellt Tomas fest, dass das Heilwasser durch eine Gerberei verseucht wird. Er will die Alarmglocken läuten und Maßnahmen einleiten. Sein Bürgermeister-Bruder ist strikt dagegen, kein Wort soll an die Öffentlichkeit. Immerhin stehen Wahlen bevor. Und Geld für die Sanierung der Kläranlagen und Zuleitungen ist auch nicht vorhanden. Tomas nimmt den Kampf auf. Beide Brüder frönen ihrer Egomanie und Selbststilisierung. Es endet, wie so was enden muss: Der Badearzt wird gemobbt und als Volksfeind gescholten. Wer etwas gegen wirtschaftliche Interessen unternimmt, wird von den Mächtigen isoliert und ausgeschieden, wie ein Virus durch das Immunsystem aus dem Körper entfernt wird.

Es gehört bestimmt nicht viel Fantasie dazu, in dem Stoff Potenzial für ein Gegenwartsstück zu erkennen. Haben Sie die Handlung aus Ibsens in unsere Zeit verlegt?

Das haben wir. Schließlich stehen mal wieder Wahlen vor der Tür. Anke Grot, mit der ich seit vielen Jahren erfolgreich zusammenarbeite, hat mit ihrer Ausstattung in glücklicher Weise Bilder für eine heile Welt geschaffen, die nach und nach und immer mehr auseinanderbricht. Es wäre natürlich zu wenig, mit dem Volksfeind auf die schlimmen Auswirkungen von Umweltsünden hinzuweisen. Die Umweltverschmutzung ist nur eine Metapher. Es geht um die vergifteten Quellen einer Gesellschaft, um alle Umstände, die das Zusammenleben stören oder unmöglich machen.

Wie kann aus diesem Stoff denn ein Lustspiel werden?

Weil man sieht, wie alles anders gehen könnte. Aber immer wieder tritt einer auf die Bananenschale, die dort liegt und die er nicht bemerkt hat. In solchen Stücken, und das macht ihren Reiz aus, weiß der Zuschauer immer ein bisschen mehr als der Spieler. Da denkt man noch: Das wird doch nicht passieren, und da passiert es gerade. Es läuft alles darüber, dass man fatale Verhaltensmechanismen wiedererkennt und man sieht, dass die da nicht rauskommen. Eigentlich müsste man, sich an die Kindheit erinnernd, rufen: Pass auf, Kaspar, hinter dir ist das Krokodil! Das ist natürlich kein Lustspiel, bei dem man sich auf die Schenkel klopfen kann, aber doch ein heiteres Stück, das nachdenklich macht.

Auf welche Darsteller können sich die Besucher freuen?

In die Rolle des Badearztes schlüpft Rolf-Jürgen Gebert, seinen brüderlichen Widersacher und Bürgermeister spielt Amadeus Gollner. Als Frau und Tochter des Badearztes sind Sigrun Fischer und Ariadne Pabst zu sehen. Michael Krieg-Helbig spielt einen Gerbermeister, Jan Hasenfuß und Gabriele Lohmar treten als Redakteure des Volksboten auf. Daniel Borgwardt ist Kapitän Horster. Als Buchdrucker Aslaksen ist in der Premiere Bernd Stichler für den erkrankten Thomas Harms zu sehen.

Was wussten und wissen Sie nun von Cottbus?

Ich wusste schon, dass Cottbus nahe der polnischen Grenze gelegen ist. Nun weiß ich, dass Cottbus wie meine Wahlheimat Bielefeld eine Textilstadt war. Beide Theater haben den gleichen Baumeister. Bielefeld feierte 2004 – wie Cottbus gegenwärtig – sein hundertjähriges Jubiläum. Beide Theater haben einen Gründungsmythos als Bürgertheater und sind diesem bis heute treu geblieben. Das ist mir sympathisch.

Mit Christian Schlütersprach Klaus Wilke Karten für die Premiere sind an der Abendkasse erhältlich. Nächste Vorstellungen: 11. und 20. März; 3. und 26. April; 6., 9. und 18. Juni.