Das Festival hat ja in diesem Jahr den Fokus "QueerEast", der homosexuelle Lebenswelten in Osteuropa in den Blickpunkt rückt. Wie schwer war es denn, da ein Programm zusammenzukriegen?
In der Tat, wenn man's mit Produktionen aus anderen Teilen der Welt - aus Westeuropa und den USA - vergleicht, ist das Thema in Osteuropa nicht so offensichtlich. Es gibt dort viele Produktionen, die es indirekt ansprechen. Sie zeigen keinen Kuss, keinen Sex, aber das Thema ist da. Es sind zwei Männer oder zwei Frauen, die zusammen sein wollen oder zusammen sind. Deswegen war es uns auch so besonders wichtig, dafür einen Kurator aus Osteuropa zu haben, der eben erkennt, worum es geht: Ist es ein schwules, ein lesbisches Thema oder nicht. Wir haben mit Zaza Rusadze einen tollen Menschen dafür gefunden, einen Filmemacher, der beide Kulturen kennt. Er hat Regie in Potsdam studiert, hat vor zwei Jahren seinen ersten Spielfilm in Georgien realisiert, der Eröffnungsfilm des Panoramas bei der Berlinale war, und der sehr sensibel erkennen kann, wann es ein schwules oder lesbisches Thema ist. Oder ob es vielleicht ein Film ist, der dieses Thema ausnutzt, um vielleicht etwas ganz anderes darzustellen. Ob's beispielsweise vielleicht um sexuellen Voyeurismus geht.

Es wird ja auch innerhalb Osteuropas recht unterschiedlich mit dem Thema ungegangen.
Ja, es ist auffällig, dass das Thema in Ländern wie mittlerweile Polen, wie in Tschechien und Ungarn offener behandelt wird als in Russland, Georgien und den Balkanländern, wo es eine starke homophobe Lobby gibt, wo die Kirche sehr stark gegen Liberalisierung, gegen Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften kämpft. In diesen Ländern läuft das Thema eher in Schutzräumen.

Ein zweiter Schwerpunkt ist die Ukraine. Wie ist die Lage der Filmemacher dort?
Wenn man's ehrlich sagen soll: katastrophal. Weil es kein Geld gibt. Es gibt unglaublich viele talentierte Filmemacher - in den verschiedensten Bereichen, vom kommerziellen Kino bis zum Arthousekino, und das werden wir auch sehen in der Reihe "Filmland Ukraine". Das Problem ist im Moment: Durch den politischen Umbruch gab es lange keine Leitung der nationalen Filmförderung, weil die alte Leiterin wegen ihrer angeblichen Nähe zu Janukowitsch entlassen worden war. Das war eine sehr kompetente Leiterin, die das Beste getan hat, um möglichst viel Geld für die Filmförderung herauszuholen. Der Posten blieb unbesetzt, jetzt muss neu geordnet werden, das ist schwierig. Und da, wie wir wissen, das Land nahe am Bankrott steht, sehr viel Geld für die Korruptionsbekämpfung ausgeben muss und in dem militärischen Konflikt mit Russland Geld verbrennt, gibt's kein öffentliches Geld für Filmemacher. Sie müssen es sich privat suchen. Aber die Meldungen, die uns da erreichen von befreundeten Filmemachern, sind eher deprimierend. Kreativ und politisch sind die Voraussetzungen gut - es gibt keine Zensurmaßnahmen -, also wäre es möglich, alles zu machen, wenn es das Geld dafür gäbe.

Nun gehen das Festival und der langjährige Festivalchef Roland Rust getrennte Wege. Wird sich was an der Ausrichtung, an den Inhalten des Festivals ändern?
Ich denke, das Thema Osteuropa ist ja vorbestimmt, dabei werden wir auf jeden Fall bleiben. Das ist auch ein schönes Thema, wo noch unglaublich viel zu entdecken ist. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren, in denen Roland Rust leider wegen seiner Krankheit nicht dabei sein konnte, neue Reihen eingeführt. Zum Beispiel mit "Heimat" versuchen wir, noch mehr aufs lokale Publikum zuzugehen und auch lokale Attraktionen für unsere internationalen Gäste zu schaffen. Es gibt immer mal wieder kleine neue Sachen - wie dieses Jahr, wo wir die Mastertalks einführen, also Redebeiträge von Fachleuten aus der Branche, die auch fürs "normale" Publikum von großem Interesse sein dürften. Aber im Großen und Ganzen wird es bei der Ausrichtung, bei der Struktur bleiben. Die Arbeit, die Roland Rust da geleistet hat, wie das Festival aufgebaut worden ist in den vergangenen 24 Jahren, war hervorragend.

Die Stelle des Künstlerischen Leiters wird von Ihnen derzeit provisorisch besetzt, sie ist ausgeschrieben. Bewirbt sich Bernd Buder?
Das muss ich mir überlegen. Also: Es ist natürlich ein superattraktiver Posten, ein tolles Festival, eine interessante Stadt, es sind Kontakte gewachsen - ich bin ja seit 1996 als Regisseur dabei . . . Für mich gibt's eigentlich keinen Grund, mich nicht zu bewerben, wenn ich's mir genau überlege.

Worauf freuen Sie sich am meisten in diesem Jahr?
Ich freue mich wie immer ganz besonders auf die Eröffnungsveranstaltung. Ich bin sehr gespannt, wie dieser doch sehr spezielle Eröffnungsfilm mit 50 Hunden als Hauptdarstellern ankommt. Ich freue mich auch auf die Gespräche und Diskussionen mit den Filmemachern aus der Ukraine. Auch freue ich mich darauf, wenn es uns gelingt, ein bisschen den russisch-ukrainischen Dialog unter Kulturschaffenden voranzutreiben. Ich freue mich besonders, wenn es gelingt, ganz junge Filmemacher zu vernetzen mit Filmemachern aus anderen Ländern. Und ich freue mich auf die sehr unterschiedlichen Filme, die wir im Wettbewerb haben: vom lauten Warschauer Aufstand bis hin zur ganz leisen kosovarischen Gesellschaftsreflexion.

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