Frau Sinkevych, in den vergangenen Monaten gab es kaum eine Nachrichtensendung ohne Meldungen über den bewaffneten Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Wie sah Ihr Alltag in Kiew aus?
In Großstädten wie Kiew ist der Alltag relativ sicher. Wir gehen zur Arbeit und treffen uns abends mit Freunden. Da merken wir nicht viel von dem Konflikt, weil der Osten des Landes sehr weit weg ist. Es sei denn, Militärfahrzeuge fahren vorbei oder wir schalten die Nachrichten ein und hören von vielen verletzten oder getöteten Menschen. Das ist wirklich schockierend. Trotzdem stresst die politische Lage die Menschen. Zurzeit können wir nichts wirklich planen. Niemand weiß, was passieren wird. Vor allem unserer Wirtschaft geht es schlecht. Die Inflation ist um 40 Prozent gestiegen, und jetzt gehen auch die Preise hoch - vor allem bei Importwaren, die an Euro oder den Dollar gekoppelt sind. Außerdem muss die Stadtverwaltung von Kiew sparen. Immer wieder wird der Strom abgeschaltet. Dann sitzen wir mitten am Tag für ein paar Stunden in unseren Büros und können nicht arbeiten. Das ist nicht lustig.

Sie sind ausführende Produzentin beim "Odessa International Film Festival". Im Juli hat es zum fünften Mal stattgefunden. Wie haben die politischen Ereignisse diesen Festivaljahrgang geprägt?
Durch den politischen Konflikt war es nicht einfach, das Festival vorzubereiten, weil wir die ganze Zeit auch darüber nachdenken mussten, was alles passieren kann. Immerhin sind am 2. Mai in Odessa 46 Menschen bei einer Schießerei zwischen pro-ukrainischen und pro-russischen Kämpfern gestorben. Da haben wir uns gefragt, ob wir das Festival überhaupt veranstalten sollen. Aber die Menschen brauchen so ein Festival. Sie brauchen Kultur und Filme und Inspiration, damit es ihnen wieder besser geht.

Die ukrainische Filmindustrie war gerade auf dem Weg der Genesung. Seit 2010 gibt es ein Förderprogramm. Das war nötig, denn seit der Loslösung von Russland vor 20 Jahren hatte das Filmschaffen brachgelegen.
Das Programm hatte vor Ausbruch des politischen Konflikts gerade begonnen, Früchte zu tragen. Ein Beispiel dafür ist der ukrainische Film "Plemya" ("The Tribe"). Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy ist dafür in diesem Jahr in Cannes im Rahmen der "Semaine de la Critique" mit drei Hauptpreisen ausgezeichnet worden. Und jetzt reist der Film von Festival zu Festival und ist schon in viele Länder verkauft worden. Das ist für einen ukrainischen Film etwas ganz Besonderes.

Und wie ist die aktuelle Situation?
Zurzeit können unsere Filmemacher auf keine Förderung setzen. Viele haben gehofft, dass auch wir ab 2015 von Eurimages, dem Filmförderungsfonds des Europarates, unterstützt werden. Aber das wurde genauso verschoben wie unsere Annäherung an die Europäische Union. Laut einer aktuellen Regierungsentscheidung sind alle internationalen Abkommen mit finanzieller Eigenbeteiligung der Ukraine gestrichen. Es wird deshalb gerade heftig debattiert, wie die Filmindustrie trotzdem finanziert und Regisseure, Filmverleiher und Kinos unterstützt werden können. Der gerade neu ernannte Chef unserer Filmförderung will, dass alle künftigen Projekte das Nationalgefühl stärken und beispielsweise von Nationalhelden handeln.

Gerade durch die aktuelle Situation rücken internationale Festivals in Frankreich, Polen oder auch in Deutschland, wie jetzt in Cottbus, die Ukraine in den Fokus.
Ja, und das ist gut für uns, denn so ergeben sich neue Kooperationen. Es scheint mir, als ob die meisten Zuschauer zurzeit bei uns im Fernsehen keine russischen Filme sehen wollen. Viele ukrainische Sender sind deshalb dazu übergegangen, keine russischen Inhalte mehr zu zeigen. So ergeben sich neue Möglichkeiten: Polnische Fernsehsender wollen mit der Ukraine kooperieren. Außerdem gab es bei uns im Fernsehen gerade eine Woche mit deutschen Filmen in Zusammenarbeit mit dem deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wir suchen überall nach alternativen Inhalten für unsere Fernsehbildschirme und Kinoleinwände.

Das Cottbuser Festival will Oleg Sentsov Hoffnung machen und zeigt dessen Film "Gaamer". Der Regisseur ist am 11. Mai auf der Krim verhaftet und nach Moskau ausgeflogen worden. Ihm wird vorgeworfen, Teil einer terroristischen Vereinigung zu sein . . .
Oleg war jahrelang Gast bei unserem Festival. Er war ursprünglich Computerfachmann, bevor er seine Leidenschaft für das Filmemachen entdeckte. "Gaamer" handelt von einem Jungen, der süchtig ist nach Computerspielen und zeigt, was dadurch mit ihm passiert. Der Beitrag ist ein gutes Beispiel dafür, wie reduziert und zugleich professionell junge ukrainische Filmemacher heute arbeiten. Durch Olegs Verhaftung hat der Film noch an Bedeutung gewonnen.

Vor einigen Wochen hat das Cottbuser Filmfestival "Gaamer" bereits in Berlin gezeigt und Geld zur Unterstützung von Oleg Sentsov und seiner Familie gesammelt.
Es ist sehr wichtig, dass Cottbus Olegs Fall öffentlich macht. Gerade mutiert sein Fall zu einem "Schauprozess" und so ist das vielleicht eine der wenigen Chancen, ihn doch noch dort heraus zu bekommen. Oleg ist Ende 30 und ein alleinerziehender Vater von zwei Kindern. Vor einigen Tagen hat er versucht, die Polizei wegen Körperverletzung anzuklagen. Das wurde abgelehnt. Angeblich hatte die Polizei bei seiner Wohnungsuntersuchung herausgefunden, dass er sadomasochistisch veranlagt ist. Das ist totaler Quatsch. Ich hoffe sehr, dass die zahlreichen Aktionen von Menschen, die ihm da heraushelfen wollen, am Ende auch erfolgreich sind. Die gesamte Filmbranche in der Ukraine und darüber hinaus setzt sich für Olegs Freilassung ein. Es ist so wichtig, alles dafür zu tun. Es ist totaler Blödsinn, dass er für etwas angeklagt wird, das er nie getan hat und in einem fremden Land festgehalten wird. Es wird internationales Recht gebrochen und es werden Menschenrechte verletzt.

Gerade haben die Ukrainer gewählt. Die meisten Stimmen bekamen proeuropäische Parteien. Glauben Sie an eine Versöhnung zwischen Ukrainern und Russen?
Ich glaube, wir sollten darauf hoffen, aber im Moment ist das sehr, sehr schwierig. Es geht ja nicht nur um eine Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine. Dieses Problem ist sehr vielschichtig: Es gibt ja auch einen Konflikt innerhalb der Ukraine und - zwischen Russland, Europa und den USA. Ich habe Angst davor, dass das alles eine politische Kettenreaktion auslöst und die Ukraine das Schlachtfeld bleibt, das sie gerade ist. Wir müssen auf jeden Fall alles dafür tun, damit das Töten und Sterben in der Ostukraine aufhört. Bisher sind dort mehr als 4000 Menschen gestorben, und jeder einzelne davon war zu viel.

Mit Julia Sinkevych

sprach Barbara Breuer