Disziplin und Zuverlässigkeit forderte sie von sich und ihren Freunden. Obwohl charmant, war sie völlig ungeschmeidig.
Am 23. März 1906 in Dresden geboren, wo sie am 10. Oktober 1977 auch starb, entwöhnte sie sich bereits in Jugendjahren ihrer bürgerlichen jüdischen Familie, studierte an der Dresdener Akademie der Künste und heiratete den mittellosen Hans Grundig. Sie wurde jung Mitglied der KPD. Die „Alten Meister“ Alfred Kubin, Otto Dix und Käthe Kollwitz waren ihre Vorbilder. Käthe Kollwitz schenkte den Grundigs ein Selbstporträt als Zeichen der Wertschätzung. 1935 entstanden ausdrucksstarke Radierungen wie "Kinder spielen Eisschießen" und "Schwangere" II.
In nur vier Jahren fertigte sie die Zyklen "Unterm Hakenkreuz" und "Krieg droht". Ihre Bildsprache verschärfte sich unter der sich zuspitzenden Situation. Ängste wurden zu erschütternden Visionen. Die zeitgleich entstandenen einfühlsamen Porträts ihrer Freunde und Genossen wirken wie Zeichen in finsterer Zeit. Der Mensch blieb immer ihr liebster Bildgegenstand.
Nur knapp entging sie nach der Verhaftung Ravensbrück. Mit dem letzten Schiff entkam sie nach Palästina.
In Ausstellungen konnte sie schon bald die ersten Zyklen "Antifaschistische Fibel" und "Niemals wieder" zeigen. Die erschütternden Arbeiten waren in London und New York bekannt. Otto Kokoschka schrieb tief beeindruckt von diesen Blättern. Zur selben Zeit entstanden auch, gleichsam wie ein Atemholen, gut komponierte Tuschezeichnungen voller Rhythmik und Ornamentalem. Sicher und lebendig ist der Vortrag. Zehn Jahre waren Hans und Lea Grundig getrennt. Heimlich verließ sie Palästina, um 1949 wieder in Dresden zu sein. Sofort verarbeitete sie die schrecklichen Geschehnisse künstlerisch.
Vor dem biografischen Hintergrund wird Lea Grundigs gesellschaftliches Engagement nachvollziehbar. Die Mitgliedschaften in der Akademie der Künste der DDR, im ZK der SED, die Präsidentschaft des VBK DDR und die Lehrtätigkeit ließen ihr nur wenig Zeit für die künstlerische Arbeit.
Als sie und Käthe Kollwitz in der Faschismusdiskussion als "Fürsprecher des Hässlichen" bezeichnet wurden, nannten Hans und Lea Grundig diese Auseinandersetzung einen "grundsätzlichen Fehler".
Ihre Bildinhalte wurden das Leben in der DDR und weltpolitische Ereignisse. Mit Freude ging sie an den Auftrag, Grimms Märchen zu illustrieren. Diese Freude übertrug sich auf viele der heute zwischen 50- und 60-Jährigen, die sich jener drei blauen Bände des Kinderbuchverlages erinnern.
Lea Grundig war ein an allen künstlerischen Genres interessierter Mensch, gebildet in Kunst, Literatur, Zeit- und Religionsgeschichte. Es machte ihr Freude, Begabungen zu entdecken und zu entwickeln. Nie nahm sie Einfluss auf die Inhalte. Nie formte sie eine der ihren ähnliche Handschrift. Ihre Kritik war unerbittlich, aber Mut machend, nie vernichtend. Sie besaß die seltene Eigenschaft, an den künstlerischen Erfolgen anderer teilzuhaben. Gewiss, sie war nicht frei von Dogmen. Man musste ihrer starken Persönlichkeit gewachsen sein, dann konnte man von ihr lernen.
Lea Grundigs Worte "Man hat mich abgestempelt" treffen leider immer noch zu. Man forderte damals Bekenntnisse von ihr. Sie hat dem entsprochen. Und dann hat man diese mehr als ihr Gesamtwerk beachtet. Die Qualität eines Künstlers wird aber durch seine besten Arbeiten bestimmt.
Den Namen Lea Grundig findet man zurzeit nicht in allen Kunstlexika. Nach der deutschen Einheit fanden Lea-Grundig-Ausstellungen in Osnabrück, St. Etienne, New York, Bonn und Heidelberg statt. In Ostdeutschland ist mir keine bekannt. Spätere Generationen werden sich vorurteilsfrei für die Kunst Lea Grundigs interessieren und ihre Stellung in der deutschen und europäischen Kunstgeschichte neu definieren.