Kienzle kam mit seinem Buch "Abschied von 1001 Nacht", Untertitel: "Mein Versuch, die Araber zu verstehen." Diese vorsichtige Formulierung ist keine Koketterie. Denn - Experte hin, Fachmann her: "Die arabische Welt ist sehr schwer zu verstehen", sagt Kienzle. "Und es ist nach den Revolutionen, die eigentlich Revolten waren, nicht leichter geworden. Es gibt ja nicht den Araber, sondern die Probleme sind von Land zu Land sehr unterschiedlich. Das Einzige, was sie im Arabischen Frühling einte, war, die Diktatoren zu stürzen. Ich denke, wir müssen uns auf eine sehr lange Zeit der Instabilität einstellen."

Bei der Lesung im voll besetzten Heron Buchhaus kommt Kienzles Verleger Martin Mühl-eis bisweilen kaum dazu, seine Fragen an den Autor zu bringen - aus dem sprudelt es nur so heraus. Schnell kommt die Rede auch auf Günter Grass: "Der hat mit den falschen Worten das Richtige gesagt", erklärt Kienzle. "Ich halte Israels Präsident Ne tanjahu für einen sehr gefährlichen Politiker. Seine fortwährenden Kriegsdrohungen werden irgendwann nicht mehr ernst genommen - was wird er dann tun?"

Um auch nur eine Chance zu haben, die arabische Welt zu begreifen, muss sich der Westen von seinen Klischees lösen, fordert Ulrich Kienzle. Deshalb heißt sein Buch "Abschied von 1001 Nacht". Denn das erste Klischee hat etwas mit Exotik, mit der Romantik des Orients zu tun. "Im 18./19. Jahrhundert herrschte in Europa eine regelrechte Orient-Begeisterung", so Kienzle. "Die ‚Märchen aus 1001 Nacht' waren das meistverkaufte Buch nach der Bibel. Das zweite Klischee: Alle Araber sind Terroristen. Obwohl es eine minimale Minderheit ist. Und wie es nicht den Araber gibt, gibt es auch nicht den Islam. Dessen einzelne Richtungen bekämpfen sich brutal."

Ulrich Kienzle liefert nicht nur Fakten und Analysen, sein Buch steckt auch voller Anekdoten und zeichnet die Karriere eines Ausland-Korrespondenten nach, der Szenen gesehen hat, die er nie wieder vergessen wird.

Der erste Auslands-Einsatz war eigentlich eine Strafversetzung für den Mann, der damals kein Wort Arabisch sprach. Längst ist er ein ausgewiesener Nahost-Experte, der immer wieder darauf verweist, "wie wichtig es ist zu verstehen, was in dieser Region passiert. Denn wir sind von dieser Region abhängig: 60 Prozent der noch vorhandenen Erdöl-Vorkommen liegen dort. Die Drohung Israels, Krieg gegen den Iran zu führen, hat bei uns den Benzinpreis ganz schnell erhöht. Und: Wenn der Arabische Frühling schiefgeht, haben wir eine enorme Flüchtlingswelle zu erwarten."