Vor dem Applaus haben die Theatergötter den Schweiß gesetzt. „Balance, Balance, Balance!“ , ruft Ballett-Chef Dirk Neumann während der Probe und schiebt sehr schnell eine Kette knapper Anweisungen in französischer Sprache hinterher. Für die Tänzer des Ballettensembles gehören die Begriffe zum täglichen ABC, die sie sofort in Bewegung umsetzen.
Während Ballettrepetitor Christian Georgi den Takt vorgibt, proben sie an der Ballettstange klassische Exercise. Sie streicheln mit den Zehen den Boden, erheben sich auf Spitzen, schwingen die Beine in alle Richtungen. Beginnend bei den Füßen und Knien werden die Bewegungen immer größer. Die Tänzer lösen sich von der Stange, tanzen nun im Raum, suchen auch in der Mitte Balance, steigern sich im Adagio.
Aslanbek Kotsoev wischt sich den Schweiß von der Stirn. Etwa 90 Minuten dauert das allmorgendliche Warm-up im Probenzentrum des Staatstheaters, unentbehrlich für einen Tänzer. Nach einer kleinen Pause trifft er sich mit Weinina Weilijiang zum Pas de deux. Die beiden Solotänzer finden sich zum „Blumenwalzer“ aus dem Ballett „Der Nussknacker“ von Peter Iljitsch Tschaikowski. Unzählige Fassungen und Choreografien gibt es davon. Am Montag wird „Der Blumenwalzer“ in einer Choreografie des früheren Cottbuser Ballett-Chefs, Michael Apel, die Zuschauer ins Reich märchenhafter Fantasie entführen, wenn das Staatstheater einen festlich-heiter dekorierten Gabentisch deckt: „O du Fröhliche“ .
Das Ballett „Der Nussknacker“ aber erinnert Aslanbek Kotsoev an seine Heimat. Im Kaukasus geboren, in Wladikawkas, der Hauptstadt der Republik Nordossetien, begann er mit acht Jahren ein Studium an der Leningrader Ballettschule, das er 1984 beendete. Sein erstes Engagement hatte er am Staatstheater Kujbischew. Danach kehrte er zurück nach Leningrad und tanzte bei Boris Eifman, der als einer der profiliertesten russischen Choreografen gilt. Eifman ist für seine biografischen und abendfüllenden Handlungsballette berühmt, die er vor allem mit seiner eigenen Compagnie, dem Eifman Ballet St. Petersburg, auf ausgedehnten Gastspielreisen zur Aufführung bringt. „Wir waren überall, sind weit herumgekommen“ , erzählt Aslanbek Kotsoev.

Zwischen Cottbus und Neustrelitz
Irgendwann landete er an einem tschechischen Theater und blieb dort mehr als drei Jahre. In Deutschland aber fühlte er sich während der Tourneen besonders wohl und als sich 1995 für ihn eine Möglichkeit in der Deutschen Tanzkompanie Neustrelitz bot, nutzte er sie.
Eigentlich wollte er nur ein Jahr bleiben, zehn wurden daraus. Noch heute pendelt er zwischen Cottbus und Neustrelitz hin und her, lebt doch dort seine ganze Familie, seine Frau Julia, selbst Tänzerin, und seine beiden Söhne: Wladimir, der Koch gelernt hat und eher Breakdance bevorzugt, sowie Mairbek, der sich auf das Abitur vorbereitet.
Ihr Vater Aslanbek Kotsoev aber tanzte durch Deutschland, in einer Mozart-Produktion war er in Ingolstadt, als Montague in Bremerhaven. Die tänzerische Zeit dort erlebte er als eine ganz besondere: „Mit dem Ballettmeister Sergej Wanjajev verstand ich mich sofort. Wir haben am gleichen Tag Geburtstag und auch sonst viele Ähnlichkeiten. Vor allem aber gab es in Bremerhaven wunderbare Choreografien“ , erinnert er sich.
Der Ruf des Tango-Balletts lockte Kotsoev nun in diesem Sommer nach Cottbus. „Eigentlich war ich zum Vortanzen gekommen. Als das ausfiel, habe ich mich mit dem Ballettchef Dirk Neumann bei einem Kaffee unterhalten. Wir stellten fest, dass wir viele gemeinsame Freunde haben. Und am Ende war es so, als wollten wir uns schon lange kennen lernen“ , bemerkt er schmunzelnd.
Natürlich kam er dann noch einmal nach Cottbus, um im Vortanzen zu überzeugen, dass er zum Ensemble passte. Und er wurde engagiert. Spätestens nach der Premiere des Tango-Balletts aber war ihm klar: „In Cottbus herrscht eine sehr positive, angenehme Atmosphäre. Hier gibt es kein Muss, sondern ein Wollen. Für mich ist diese Arbeit Hoffnung, ein neuer Anfang“ , gibt er sich zuversichtlich, während er wieder das Probenzentrum betritt. „Wenn ich mit Weinina den Pas de deux tanze, bringt mich das irgendwann an den Punkt, zu fühlen: ,Das ist gut'. Ich habe selbst sehr viele Tänzer auf Solorollen vorbereitet. Wer nur in der fünften Reihe steht, hat es schwerer, seine Begabung zu zeigen“ , sagt Kotsoev. Und doch glaubt er auch: „Es gibt keine kleine Rollen, nur schlechte Tänzer.“ Jeder seiner Rollen versuche er so gut wie möglich gerecht zu werden. Dafür müsse sie erst durch den Kopf hindurch, ehe sie den ganzen Körper erfasst.

Was das Leben lebenswert macht
Wie ein Schauspieler Texte lernt, studieren Tänzer Choreografien. „Und wir müssen etwas von uns selbst dazu geben“ , spricht der Tänzer aus jahrelanger Erfahrung.
Einmal im Jahr trifft sich Kotsoev, der inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat, mit seinen alten Freunden in Leningrad. Zurück aber wolle er nicht mehr: „Ich habe jetzt alles hier, was mein Leben lebenswert macht.“